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Luzern am Weltjugendtag in Krakau: zwei Millionen, die «de Fride» haben

Im Schweizer Vorbereitungsteam für den Weltjugendtag 2016 in Krakau: Lea Willauer und Jakob Tschudi. | © 2016 Dominik Thali
Im Schweizer Vorbereitungsteam für den Weltjugendtag 2016 in Krakau: Lea Willauer und Jakob Tschudi. | © 2016 Dominik Thali

Gemeinsam den Glauben feiern: Um die zwei Millionen Jugendliche nehmen dazu Ende Juli in Polen am nächsten Weltjugendtag teil. Lea Willauer aus Rothenburg und Jakob Tschudi aus Sursee ziehen die Fäden für die deutsche Schweiz.

Wie sind Sie mit der Kirche verbunden?
Lea Willauer: Ich bin katholisch aufgewachsen. 2010 nahm mich mein Bruder mit nach Medjugorje, an ein Jugendfestival in diesem Wallfahrtsort in Bosnien-Herzegowina. Damals fing ich Feuer für den Glauben.

Wie äusserte sich dies?
Willauer: Zuvor hatte ich meinen Glauben nur auf dem Papier praktizier. Seither gehört zum Beispiel die sonntägliche Messe zu meinem Wochenprogramm. Oder ich bin in Gebetsgruppen eingetreten.
Jakob Tschudi: Auch ich bin katholisch aufgewachsen, mein Vater ist Diakon. Mit 14 nahm mich meine Schwester ins Adoray mit, das ist eine Lobpreisgruppe. Meine Eltern drängten mich nie, aber für mich stimmte mein Entscheid für die Kirche immer.

Sind Sie besonders fromm?
Willauer: Das ist ein Vorurteil, dem ich mich aber noch nie gegenüber sah. Was heisst das schon, «besonders fromm» zu sein? Als ich frisch zum Glauben gefunden hatte, hielt ich mich zurück, darüber zu sprechen. Heute, wo ich reifer darin geworden bin, wage ich es auch, mich dazu zu bekennen. Viele Kolleginnen und Kollegen äussern sich offen dazu und sagen, sie fänden das eigentlich cool. Mehr ist jedoch selten. Ich bin aber auch noch nie auf vollständige Ablehnung gestossen.
Tschudi: In der Kantonsschule war ich halt der Katholik in der Klasse. Ich war der einzige, der freiwillig in die Kirche geht. Es fielen auch mal spitze Bemerkungen, doch wohl mehr aus Spass. Ich treffe mich trotzdem noch mit den damaligen Kolleginnen und Kollegen, obwohl die meisten ganz andere Ansichten von Glauben und Kirche haben als ich.
Willauer: Und mir schreiben mitunter gerade solche Kolleginnen und Kollegen, wenn sie schwierige Zeiten durchleben. Das finde ich schön.

Sie haben beide schon nationale oder internationale Weltjugendtage erlebt. Was gefällt ihnen daran?
Willauer:
Den Glauben zu feiern mit vielen anderen jungen Menschen. Die Treffen sind sehr abwechslungsreich, es kommt zu guten Gesprächen mit Personen, die man gar nicht gekannt hat. Ich konnte dabei für mich schon viele Fragen klären.
Tschudi: Über die Weltjugendtage kann man Kontakte in die ganze Welt knüpfen. Es ist genial, mit jungen Menschen, die das Gleiche glauben, die Christen sind, Zeit zu verbringen. Das ist wie während meiner Schulzeit in der Bibelgruppe: man findet zueinander, weil man den gleichen Nenner hat.
Willauer: Da ist sofort Vertrauen da. Das hat mich vor drei Jahren in Madrid so begeistert. Man kennt sich nicht, man spricht nicht die gleiche Sprache, aber schenkt sich ein Lächeln und versteht sich so. Zwei Millionen Leute auf einem Fleck, und alle haben de Fride.

Die Sprache, die der Weltjugendtag spricht, ist für Kirchenferne mitunter schwer verständlich. Es gibt zum Beispiel ein Berufungs- und ein Evangelisierungszentrum. Wir wirkt das auf Sie?
Tschudi:
Für mich sind das keine Fremdwörter, die mich abschrecken. Die Bandbreite der Angebote ist riesig, und ich kenne längst nicht alle. Beim Evangelisierungszentrum wird es wohl darum gehen, die frohe Botschaft den Leuten näher zu bringen. Besonders auch, wie man das Evangelium im Alltag leben kann.

Sind Weltjugendtage Rekrutierungsveranstaltungen für kirchliche Berufe?
Tschudi:
Nein, aber es liegt auf der Hand, dass die Kirche in Kreisen, in denen der Glaube gepflegt wird, auch das Interesse wecken will, in der Kirche zu arbeiten oder seine Berufung zu entdecken. Am nationalen Weltjugendtag im April in Schaffhausen waren deshalb auch junge Mönche vom Kloster Einsiedeln da.

Wie begegnen Sie Jugendlichen, die ihrem gelebten Glauben kritisch gegenüberstehen?
Willauer: Indem ich von mir spreche, indem ich erzähle, weshalb ich glaube und was mein Finden zum Glauben in mir ausgelöst hat. Oder ich antworte mit einer Gegenfrage, wodurch sich mein Gegenüber nochmals und mehr Gedanken machen muss.
Tschudi: Bei kritischen Bemerkungen zur Kirche, gerade zu den klassischen Fragen zur Sexualmoral oder der Stellung der Frau, ist es wichtig zurückzufragen, ob dies wirklich unsere Hauptprobleme sind, ob sie die ganze Kirche betreffen oder nur uns in der Schweiz. Und ich frage jeweils auch: Muss man denn, wenn man in einem Bereich nicht einverstanden ist, gleich das Ganze verwerfen?

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Bereit für Krakau: Ein Teil des Schweizer Vorbereitungsteams. Das Bild entstand am nationalen Weltjugendtag im April in Schaffhausen; der Ort im Hintergrund ist der zentrale Marktplatz in Krakau. | © 2016 pd

Weshalb glauben Sie?
Willauer: Der Glaube gibt mir extrem viel Kraft. Ich habe die Gnade von Gott erhalten, zu erkennen, was es heisst, glauben zu dürfen, Eucharistie zu feiern. Am Anfang wollte ich immer alles genau wissen, warum etwas so ist oder warum nicht. Ich merkte dabei schnell, dass es einfach wunderbar ist, zu glauben. Grundlage dafür ist, würde ich sagen, sicher auch persönliche Gotteserfahrung. Eine Berührung, ein Staunen.

Worin bestand diese bei Ihnen?
Willauer:
Vieles lässt sich manchmal nicht so einfach in Worte fassen. Es sind viele kleine Augenblicke, wo ich von Gott berührt worden bin.
Tschudi: Weshalb ich glaube? Es sind viele kleine Ereignisse und Begegnungen im Alltag, Gemeinschaft, die ich im Adoray erlebe, die Menschen an den Weltjugendtagen, diese Umgebung, in der ich nie Aggression verspüre.

Was hat der Glaube bei Ihnen verändert?
Willauer: Ich bin gelassener und ruhiger geworden. Mein Denken hat sich sehr verändert. Und meine Lebensweise… ich habe eigentlich immer ein Lachen drauf.

Was bedeutet der Weltjugendtag für Ihren Glauben?
Willauer: Für mich selbst eine Bestärkung und Vertiefung. Und dann freue ich mich, mit meiner Mithilfe dazu beitragen zu können, dass dies auch andere jungen Menschen erfahren können. Der Aufwand ist gross – aber schon ein lachendes Gesicht ist Entschädigung genug dafür.
Tschudi: Es ist einfach cool, für andere Jugendliche etwas zu organisieren und ihnen dadurch den Glauben näher bringen zu können.

Zweifeln Sie auch an Ihrem Glauben?
Willauer: Am katholischen Glauben an sich… nein.
Tschudi: Ich immer wieder. Zum Beispiel, wenn ich mich in einer schwierigen Situation befinde, keinen Plan habe und denke, ich müsse alles selber machen. Da merke ich nicht, dass ich Jesus fragen könnte.

Worauf freuen Sie sich besonders in Krakau?
Beide: Auf den Abschluss-Gottesdienst mit Papst Franziskus. Zwei Millionen Jugendliche auf einem Feld, die 40 Sprachen sprechen und gemeinsam den Glauben feiern.

Drückt sich Ihr Glaube, Ihr Christ-sein, auch im praktischen Alltag aus, etwa im Konsum oder an der Urne?
Tschudi: Ja, absolut. Ich werfe nie Nahrung weg. Beim Einkaufen achte ich stets auf fair gehandelte oder inländische Produkte. Vorwiegend benütze ich mein Velo und die Bahn, um irgendwohin zu gelangen. Meinen Mitmenschen versuche ich ohne Vorurteile zu begegnen. In einem Gespräch zeige ich mein Interesse an meinem Gegenüber. Mein Glaube beeinflusst zweifelsohne auch meine Entscheidungen an der Urne, wenn es beispielsweise um den Schutz des ungeborenen Lebens geht. So hat das Evangelium eine direkte Auswirkung auf meinen Alltag, indem ich mich nicht auf mich und meine Bedürfnisse konzentriere, sondern auf meinen Nächsten ausrichte und auf die Wünsche meiner Nächsten achte.
Willauer: Ja, klar. Ich begegne den Leuten steht mit einem Lachen, bin immer bereit, meinen Mitmenschen zu helfen und zuzuhören. Ich versuche, meinen Alltag so zu gestalten, dass ich anderen ein Vorbild sein kann, besondern in meinem Handeln, Reden und Denken.

Weshalb sind aus Ihrer Sicht Glauben und Religion bei Jugendlichen nur ein Randthema?
Willauer: Erlebnispädagogische Angebot gibt es genug. In vielen Pfarreien fehlt hingegen die Kapazität dafür, was in der kirchlichen Jugendarbeit auch noch möglich wäre.
Tschudi: Man traut den Jugendlichen gar nicht zu, dass sie nicht nur auf Abenteuer aus sind, sondern auch geistige Nahrung durchaus vertragen. Dass man ihnen etwas zumuten darf. Sie seien damit überfordert, heisst es dann oft.
Willauer: Die Kirche unternimmt keine Versuche, selber auf die Jungen zuzugehen. Ihre Lieder zum Beispiel sprechen junge Menschen nicht an. Oder sie werden nicht in den Gottesdienst einbezogen, etwa in der Lesung, den Fürbitten. Die Jugendlichen müssen spüren, dass sie gebraucht werden.

Was machen Sie als Jugendseelsorgerin anders?
Willauer: Sicher schon, dass ich praktizierende Katholikin bin. Die Jugendlichen sehen mich auch in der Kirche, im Gebet. Ich versuche, in jeden Anlass etwas Spirituelles einzubauen. Damit mache ich sehr gute Erfahrungen.

Zwei Millionen Jugendliche

Weltjugendtage sind internationale Begegnungen katholischer Jugendlicher aus aller Welt, die alle drei bis vier Jahre stattfinden. Sie treffen sich «zusammen mit ihren Katecheten, Priestern, Bischöfen und dem Papst […], um den Glauben an Jesus Christus zu bezeugen», wie es auf der Website des Weltjugendtags 2016 in Krakau heisst. In der zweitgrössten Stadt Polens kommen vom 24. Juli bis 1. August um die zwei Millionen Jugendliche zusammen, mit dabei etwa 1500 aus der Schweiz. Es gibt – unter dem Patronat der Bischofskonferenz – Vorbereitungsteams für die drei Sprachregionen, dasjenige für die deutsche Schweiz leitet Jakob Tschudi aus Sursee. Für den nationalen Weltjugendtag vom 8. bis 10. April in Schaffhausen war Julia Thalmann aus Schüpfheim hauptverantwortlich.

Der erste Weltjugendtag fand 1986 in Rom auf Initiative des damaligen Papstes Johannes Paul II. statt; der jüngste war der Weltjugendtag von Rio 2013.

Im Gespräch

Lea Willauer, 24, ist in Rothenburg aufgewachsen und arbeitet als Jugendseelsorgerin in Wetzikon. Die gelernte medizinische Praxisassistentin hat an der Theologischen Hochschule Heiligenkreuz bei Wien ein Fernstudium zur Katechistin absolviert und schon am Weltjugendtag 2011 in Madrid teilgenommen. Für die Vorbereitung von «Krakau 2016» ist sie in einem 20-Prozent-Pensum angestellt.

Jakob Tschudi, 19, ist in Sursee aufgewachsen und hat hier 2015 die Matura gemacht. Ab Herbst will er in Lausanne Umweltingenieur studieren. Er ist zum ersten Mal an einem internationalen Weltjugendtag dabei.