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Ehrendoktor für Gassenarbeit-Pionier Sepp Riedener

Neue Ehrendoktores der Universität Luzner (von links): Sepp Riedener, Prof. Dr. Iris Bohnet, Prof. Dr. Mieke Bal und Prof. Dr. Peter Locher. | © 2016 unilu.ch
Neue Ehrendoktores der Universität Luzner (von links): Sepp Riedener, Prof. Dr. Iris Bohnet, Prof. Dr. Mieke Bal und Prof. Dr. Peter Locher. | © 2016 unilu.ch

Die eigene in der Familie erlebte Armut und die religiöse Sozialisierung haben Sepp Riedener für die Hilfe am Nächsten sensibel gemacht. Er gründete als «Seelsorger auf der Gasse» die ökumenische kirchliche Gassenarbeit Luzern. Heute Donnerstag (10. November 2016) hat er den Ehrendoktor der Theologischen Fakultät der Universität Luzern erhalten.

Riedener wurde 1943 in Kreuzlingen im Kanton Thurgau geboren. Damals herrschte in Europa Krieg. Sein Vater erlitt als 45-Jähriger einen Hirnschlag und starb drei Jahre später. Die Mutter blieb allein mit ihren vier Kindern. «Die Armut hält Einzug», schreibt Riedener in seiner Biographie lakonisch über seine Jugend. Die Biographie ist im Buch «Kirchliche Gassenarbeit Luzern» abgedruckt, das im Sommer dieses Jahres erschien.

Trotz der Armut konnte der Junge studieren und zwar Theologie bei den Redemptoristen. Er trat dem Orden bei und feierte 1969 seine Primiz. 1974 wurde er vom Vatikan laisiert und heiratete. In seiner Arbeit verwirklichte er daraufhin die «Grundbotschaft Jesu, den Armen eine frohe Botschaft zu verkünden», wie er in seiner Biographie schreibt, indem er sich in Luzern um Randständige kümmerte.

Riedener gründete mehrere karitative Organisationen

1977 gründete er mit Gleichgesinnten den «Verein Drogen Forum Innerschweiz», dem er sieben Jahre vorstand. 1993 rief er den «Verein Kirchliche Gassenarbeit» ins Leben. 1996 folgte die Gründung des Vereins «Hôtel Dieu», der in Luzern ein Gasthaus führt. Dort können Menschen, die einsam sind, psychische Schwierigkeiten haben oder unter dem Existenzminium leben, auftanken.

2005 erhielt Riedener «für seine menschenwürdige Drogenpolitik» den Herbert Haag-Preis. Auch nach seiner Pensionierung arbeitet Riedener in einem 30-Prozent-Pensum als «Seelsorger auf der Gasse» weiter, wie er in seiner «Biographie» schreibt. Nun hat er den Ehrendoktor der Theologischen Fakultät Luzern als «Gründer und Pionier der kirchlichen Gassenarbeit Luzern» erhalten, wie die Hochschule mitteilt. Neben Riedener mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet wurden Prof. em. Dr. Mieke Bal, Prof. em. Dr. Peter Locher und Prof. Dr. Iris Bohnet.

 

«Unzähligen Menschen geholfen»

Laudatio für Ehrendoktor Josef Riedener von Prof. Dr. Martin Mark, Dekan der Theologischen Fakultät

Die Theologische Fakultät verleiht die Ehrendoktorwürde dem Theologen und Sozialarbeiter Josef Riedener-Zehnder, einem Anwalt sucht- und armutsbedrohter Menschen. Während der neunzehnhundertsechziger und -siebziger Jahre waren in vielen Schweizer Städten offene Drogenszenen entstanden. Zu dieser Zeit kam Josef Riedener als Jugendseelsorger zunächst im Kanton Bern mit von Sucht gefährdeten Menschen in Kontakt, ab 1976 als Religionslehrer und Jugendarbeiter in Luzern. Sepp Riedener baute mit Unterstützung seiner Frau Martha und weiteren Mitarbeitenden ein Netzwerk für hilfebedürftige Menschen auf, darunter Suchtkranke, Obdachlose und Prostituierte. Seither erfahren sie lebensnotwendige Hilfe durch Notschlafstellen und warme Mahlzeiten in der «GasseChuchi».

Heute wird der «Verein Kirchliche Gassenarbeit Luzern» von etwa 50 Mitarbeitenden getragen. Der Jahresumsatz beläuft sich auf 4,3 Millionen Franken – davon 1,3 Millionen Spendengelder. «Im Zentrum stehen medizinische Grundversorgung, gesunde Ernährung, psychosoziale Beratung, Hilfe zur individuellen Lebensbewältigung und seelsorgliche Begleitung» (Leitbild). Die während der letzten Jahrzehnte aufgebaute aufsuchende Sozialarbeit ist durch ihre regelmässige Präsenz an szenerelevanten Orten in der Lage, bestehende Beziehungen zur Zielgruppe zu pflegen und neue Kontakte herzustellen. Mit der «GasseZiitig» erhalten die sucht- und armutsbetroffenen Menschen eine Stimme in der Gesellschaft. Dreimal jährlich erscheint sie mit einer Auflage von jeweils 10‘000 Exemplaren.

Sepp Riedeners Verdienste fanden anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Kirchlichen Gassenarbeit Luzern in einer Publikation ihre verdiente Würdigung. Trotz vieler Rückschläge und gesundheitlicher Probleme gab Sepp Riedener nie auf. Seine Kraft schöpfte er aus der Spiritualität des Ordens der Redemptoristen, dessen Regel das soziale Engagement für Menschen am Rande der Gesellschaft ganz in den Vordergrund stellt.

Als Massstab seines Handelns gilt ihm das Wort aus der Gleichniserzählung vom Weltgericht am Ende des Matthäusevangeliums: «Was ihr für meine geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan» (Mt 25,40). Mit seinem Lebenswerk hat Josef Riedener unzähligen Menschen geholfen, zu stabilen Quellen der Bestätigung in ihrer gesamten Lebensführung zurückzufinden. Als Gründer der Luzerner Gassenarbeit und unermüdlicher Anwalt der Menschen am Rande der Gesellschaft vermochte er ihnen das zu geben, was ihnen sonst versagt geblieben wäre: Halt und Perspektive.