Kirchliche Behörden

Kirche und Politik: einander besser verstehen

Die Katholische Kirche im Kanton Luzern verstärkt seit zwei Jahren ihren Austausch mit der Politik. Das schafft auf beiden Seiten Verständnis. Und hat bereits Erfolg gezeitigt.
Kantonsratsmitglieder an einer Sitzung. Die Kirche steht mit manchen von ihnen in engem Austausch. | © Staatskanzlei Luzern

Einerseits betreibt die Landeskirche mit Unterstützung des früheren Mitte-Kantonsrats Adrian Bühler, Berater für politische Kommunikation, ein systematisches Politmonitoring. Anderseits pflegt sie einen engen Austausch mit einer parlamentarischen Begleitgruppe aus allen im Kantonsrat vertretenen Parteien: Adrian Nussbaum (Mitte), Angela Lüthold (SVP), Georg Dubach (FDP), Andrea Pfäffli (SP), Fabrizio Misticoni (Grüne) und Claudia Huser (GLP). In der April-Ausgabe des Magazins «Luzerner Kirchenschiff» und in den nächsten beiden Ausgaben äussern sich diese Personen zu Themen mit kirchlichem Bezug. Die Gastbeiträge finden sich auch unten auf dieser Seite.

Kirche und Politik haben viele gemeinsame Themen: Sie betreffen den gesellschaftlichen Zusammenhalt, das Soziale oder die Bildung. «Wo wir ähnliche Fragen haben, können wir gemeinsam mehr bewirken», sagt Synodalrats-Vizepräsidentin Sandra Huber. Sie leitet die Arbeitsgruppe Politmonitoring. Synodalverwalter Charly Freitag betont: Die Kirche erwarte nicht, dass die politischen Interessenvertretungen ihre Positionen übernehme. Es gebe ja auch im eigenen Kreis unterschiedliche Haltungen. «Aber der Dialog schafft Verständnis. Wir können aufzeigen, welche Aufgaben, Leistungen und Verantwortungen Kirchgemeinden und Landeskirche in der Gesellschaft wahrnehmen.» Das Interesse der Mitglieder der Begleitgruppe daran sei «sehr hoch».

Kantonsratsmehrheit stellt sich hinter Kirche 

Freitag stellt fest, dass der Dialog Früchte trägt. Als Beispiel führt er das Postulat an, mit dem eine FDP-Kantonsrätin die kirchliche Besteuerung der juristischen Personen hinterfragte und das vor einem Jahr deutlich abgelehnt wurde. Daraus lasse sich ableiten, dass eine Mehrheit des Kantonsrats diese Steuer als «wichtigen Beitrag der Wirtschaft an die Zivilgesellschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt» verstehe.

Gastbeiträge

Christliche Symbole: Lösungen statt Verbote

Beitrag von Claudia Huser

Kirche und soziale Gerechtigkeit: heute stark – und morgen?

Beitrag von Andrea Pfäffli

Stärkt das Zusammenleben

Beitrag von Adrian Nussbaum

Wo das liberale Herz hüpft

Beitrag von Georg Dubach

Christliche Symbole: Lösungen statt Verbote

Mein Sohn kommt vom Chindgsi nach Hause und fragt mich, warum die Mutter eines Kollegen ein Tuch auf dem Kopf trägt. Ich erkläre es ihm. Er nickt, geht spielen – und das wars. Kinder sind offener als wir Erwachsene – und oft auch klüger als die Politik. Das geht mir durch den Kopf, wenn ich den Vorstoss von SVP-Kantonsrat Stephan Dahinden lese. Er will Klarheit über religiöse Symbole und Kleidung im Luzerner Schulwesen – also eine politische Antwort auf eine Frage, die unsere Kinder im Alltag längst selbst beantworten.

Regierung wenig liberal

Der Kanton Luzern kennt keine gesetzliche Regelung zu religiöser Kleidung an Schulen. Das ist kein Versagen, das ist Normalität. Der Regierungsrat spricht sich in seiner Antwort klar gegen das Tragen von Kopftüchern aus. Das ist wenig liberal, lautet dazu mein Fazit. Denn zu bedenken gilt: Die Bundesverfassung schützt die Glaubens- und Gewissensfreiheit in Artikel 15 – für alle. Für Schülerinnen und Schüler ist ein Verbot religiöser Symbole verfassungsrechtlich kaum haltbar. Das Bundesgericht hat das klar signalisiert. Bei Lehrpersonen ist die Ausgangslage anders: Sie handeln in staatlichem Auftrag und prägen das Lern- und Vertrauensklima. Aber auch dort gilt: Alle Religionen müssen gleichbehandelt werden.

 

Gleiche Regeln für alle

Als Elternteil sage ich offen: Ich habe kein Problem damit, dass meine Kinder in der Schule Lehrpersonen mit Kopftuch, Kreuzkette oder Kippa begegnen. Das widerspiegelt unsere Gesellschaft. Wir leben in einem säkularen Staat mit einem christlich geprägten Hintergrund. So findet man in manchen Schulzimmern oder auch im Kantonsspital nach wie vor Kreuze an den Wänden. Und vergessen wir nicht, dass in früheren Jahren in gewissen Schulen Ordensfrauen unterrichteten.

Schwierig wird es, wenn Regulierungsversuche nur eine Glaubensgemeinschaft betreffen. Ich empfinde das als unehrlich. Hier geht es nicht um neutrale Ordnungspolitik, sondern um reine Symbolpolitik. 

Natürlich dürfen religiöse Symbole das Schulklima nicht belasten. Doch dafür braucht es kein generelles Verbot. Es braucht situative, für die Schulen passende Lösungen. Diese entstehen im Dialog – zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonen und Eltern. Wer miteinander spricht, schafft Verständnis und baut Vorurteile ab.

Mein Sohn soll in einer Gesellschaft aufwachsen und in eine Schule gehen, die ihm zeigt: Man kann verschieden sein und trotzdem zusammengehören. Eine Schule, die Vielfalt aushält und erklärt, stärkt nicht nur Kinder – sie stärkt unsere Gesellschaft.

Claudia Huser, Luzern, Kantonsrätin GLP

Kirche und soziale Gerechtigkeit: heute stark – und morgen?

Wenn von Kirche die Rede ist, denken viele zuerst an Gottesdienste, Taufen und Hochzeiten. Doch die Katholische Kirche im Kanton Luzern ist weit mehr als das. Mit ihren 80 Kirchgemeinden leistet sie jährlich soziale und kulturelle Arbeit im Umfang von rund 33 Millionen Franken (Stand 2022), darunter Sozialberatung, Gassenarbeit, Suchthilfe, Familien- und Jugendarbeit, Integrationsprojekte sowie Seelsorge in Spitälern und Gefängnissen.

Mehr als Seelsorge

Die Kirche ergänzt heute also staatliche Leistungen in beachtlichem Ausmass. Hinzu kommt das soziale Netz, das sie zwischen Menschen knüpft. Und Werte wie Solidarität und Zusammenhalt, die sie in unsere Gesellschaft trägt. Würde dieses Engagement wegfallen, entstünden spürbare Lücken, darunter viele, die im heutigen politischen Klima des Kantons Luzern kaum staatlich zu ersetzen sind.

Gleichzeitig steht dieses Engagement unter Druck. Immer mehr Menschen treten aus der Kirche aus, und politische Vorstösse stellen auch die Kirchensteuern für Unternehmen regelmässig infrage. Umso wichtiger ist, dass die Kirche für Menschen relevant bleibt. Offen, nahbar und anschlussfähig an unsere gesellschaftliche Realität.

 

Damit Kirche Zukunft hat

Unsere Gesellschaft ist vielfältiger geworden. Menschen leben unterschiedliche Lebensentwürfe, gehören verschiedenen Religionen an oder keiner. Wer heute glaubwürdig für soziale Gerechtigkeit einsteht, muss diese Rea­lität anerkennen. Die Kirche kann nur dann eine starke Trägerin sozialer Gerechtigkeit bleiben, wenn sie sich öffnet und weiterentwickelt. Wenn sie nicht nur hilft, sondern auch einschliesst. Wenn sie Räume schafft für Frauen in Verantwortung, für queere Menschen, für Menschen mit anderer Herkunft und Überzeugung. Und wenn sie den Dialog nicht scheut, sondern ihn aktiv sucht.

Soziale Gerechtigkeit bedeutet: für alle statt für wenige. Dazu leistet die Kirche einen wichtigen Beitrag. Bleibt sie stehen, verliert sie an Relevanz. Bewegt sie sich, bleibt sie eine starke Kraft für Zusammenhalt – auch morgen.

Andrea Pfäffli, Luzern, Kantonsrätin SP

Kirchensteuern für juristische Personen stärken das Zusammenleben

Als Unternehmer frage ich häufig: Was bewirkt eine Ausgabe? Welchen Wert schafft sie? Bei der Kirchensteuer für juristische Personen fällt meine Antwort klar aus: Sie ist eine Investition in den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Immer wieder wird die Abschaffung dieser Steuer verlangt. Ich wehre mich dagegen – gerade als Unternehmer. Nicht, weil ich jede Entwicklung in der Kirche unkritisch sehe. Sondern weil ich weiss, welchen Beitrag diese Mittel für unser Zusammenleben leisten. Im Kanton Luzern werden sie ausschliesslich für soziale und kulturelle Leistungen eingesetzt. Sie ermöglichen Angebote, die allen offenstehen – unabhängig davon, ob sie einer Kirche angehören.

Das zeigt sich konkret im Alltag: Anlauf- und Beratungsstellen helfen Menschen, die durchs soziale Netz zu fallen drohen. Wer in einer schwierigen Situation steckt, findet Beratung und Unterstützung. Bei Jungwacht und Blauring erleben Kinder und Jugendliche Gemeinschaft und übernehmen Verantwortung. Ältere Menschen begegnen sich am Mittagstisch oder bei gemeinsamen Anlässen. Kulturelle Angebote und öffentliche Räume bereichern das Leben vor Ort. Vieles davon wird von Freiwilligen getragen. Die Kirchen schaffen dafür den verlässlichen Rahmen. Organisatorisch und finanziell.

Verantwortung tragen

Warum sollen Unternehmen dazu beitragen? Weil auch sie von einem guten Umfeld profitieren. Wir brauchen Gemeinwesen, in denen Menschen füreinander einstehen. Ein attraktiver Wirtschaftsstandort besteht nicht nur aus leistungsfähiger Verkehrsinfrastruktur, Fachkräften und guten Rahmenbedingungen. Er braucht auch eine Gesellschaft, die trägt.

Eine Abschaffung der Kirchensteuer für Unternehmen würde nicht einfach eine Abgabe beseitigen. Sie würde Leistungen schwächen, die unser Zusammenleben stärken. Was wegfällt, müsste die öffentliche Hand übernehmen oder es würde fehlen.
Selbstverständlich muss die Kirche transparent aufzeigen, wofür sie diese Mittel einsetzt. Und sie muss sich verändern, wo Vertrauen verletzt wurde. Aber wer Verantwortung für eine Gesellschaft übernimmt, muss auch bereit sein, in ihren Zusammenhalt zu investieren. Die Kirchensteuer für juristische Personen ist eine solche Investition. Diese trage ich als Unternehmer gerne mit. 

Adrian Nussbaum, Hochdorf, Kantonsrat Die Mitte

Freiheit und Verantwortung: wo das liberale Herz hüpft

Wer an die FDP denkt, denkt oft zuerst an Wirtschaftsdaten, Steuersätze und staatliche Zurückhaltung. Doch das liberale Weltbild ist umfassender. Im Zentrum steht der eigenverantwortliche Mensch, der sich in einer freien Gesellschaft für das Gemeinwohl einsetzt. Genau hier entsteht die Brücke zur Arbeit der Kirche.

Ein Kernprinzip liberaler Politik ist die Subsidiarität. Sie besagt, dass Aufgaben immer von der kleinstmöglichen Einheit gelöst werden sollen. Erst wenn die Eigeninitiative des Einzelnen oder der Gemeinschaft nicht ausreicht, greift der Staat ein. Die Kirche lebt dieses Prinzip in besonderer Weise. Ob in der Jugendarbeit, in der Seniorenbetreuung oder in der Begleitung von Menschen in Krisensituationen. Die kirchlichen Strukturen leisten hier Arbeit, die bei Verstaatlichung nicht nur unbezahlbar wäre, sondern auch ihre Seele verlieren würde.

Besonders beeindruckend ist für mich als Liberaler die Freiwilligenarbeit. Tausende Luzernerinnen und Luzerner investieren ihre Zeit in Pfarreien und kirchlichen Vereinen. Dieses Engagement ist der soziale Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Es ist gelebte Eigenverantwortung. Wenn die Kirche Menschen motiviert, füreinander da zu sein, entlastet sie den Staat spürbar. Das ist effizient und vor allem zutiefst menschlich.

Stütze im sozialen Gefüge

Auch das Verhältnis zwischen Kirche und Wirtschaft verdient eine liberale Betrachtung. Die Kirchensteuer für juristische Personen wird oft diskutiert. Dennoch: Die Kirche ist eine wichtige Akteurin im sozialen Gefüge. Sie trägt zur Stabilität und zum sozialen Frieden bei. Beides sind zentrale Faktoren für einen attraktiven Wirtschaftsstandort Luzern. Zudem ist sie eine bedeutende Auftraggeberin für das lokale Gewerbe, etwa beim Unterhalt historischer Kulturgüter, die unser Landschaftsbild prägen. Liberalismus bedeutet Freiheit von etwas, aber auch Freiheit zu etwas. In einer immer komplexeren Welt brauchen wir Orte der Reflexion. Die Kirche bietet diesen Raum. Sie tut dies ohne staatlichen Zwang und ohne Bevormundung, bietet einen Wertekompass und überlässt die Entscheidung dem mündigen Individuum.

Mein Fazit nach der Arbeit in der parlamentarischen Gruppe: Staat und Kirche sind getrennt, doch in ihrem Dienst am Menschen sind sie Partner. Eine starke und lebendige Kirche, die auf Eigeninitiative und Subsidiarität setzt, ist im besten Sinne liberal.

Georg Dubach, Triengen, Kantonsrat FDP

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