Die Zeichen der Zeit stehen auf Abschied
Verwurzelt wachsen (8)
Dominik Thali
Jüngstes Beispiel für einen Abschied ist der Verkauf der «Stella Matutina» in Hertenstein bei Weggis an eine Stiftung, die hier ein «Haus der Zukunft» plant. Hertenstein war seit 1916 ein Ableger des Klosters Baldegg: Hier eröffnete es ein Töchterinstitut und bildete Hauswirtschaftslehrerinnen und Familienhelferinnen aus. Von 1995 bis 2023 war Hertenstein ein Bildungshaus, bis die Gemeinschaft auch diese Aufgabe loslassen musste.
Kanton führt Schulen weiter
«Ja, aufgeben schmerzt», räumt Sr. Nadja Bühlmann (65) ein, seit drei Jahren Generaloberin. Aber in der Geschichte der Baldegger Schwestern sei «schon immer etwas aufgebaut worden oder zu Ende gegangen». Die Schwestern fragten sich stets, welches die «Zeichen der Zeit» seien. Ein solches könne auch sein, «dass es uns an einem Ort nicht mehr braucht». Was ja «eigentlich auch schön» sei. Bühlmann spielt damit etwa auf die 1940 in Sursee gegründete Pflegerinnenschule der Baldegger Schwestern an, die 2004 an den Kanton überging. Oder das Lehrerinnenseminar, das am Ende noch ein Kurzzeitgymansium war und 2005 in der heutigen Kantonsschule Seetal aufging. Samt Verkauf der Liegenschaft an den Staat.
Das Kloster Baldegg hinterlässt – wie viele andere Ordensgemeinschaften – viele Spuren seines Wirkens. Es betrieb zum Beispiel drei Kurhäuser oder arbeitete in Schulen und Pflegeheimen mit. Zwischenzeitlich waren Baldegger Schwestern allein in der Schweiz an rund 100 Orten präsent. Doch die Kräfte schwinden längst: Zählte die Gemeinschaft 1964 auf ihrem Höhepunkt 1018 Schwestern, sind es heute noch 138 mit einem Durchschnittsalter von 82 Jahren. Von diesen leben inzwischen fast alle im Mutterhaus in Baldegg. 1830 hatte die Ordensgeschichte hier ihren Anfang genommen. Seither sind bald 200 Jahre vergangen – «eine Zeit voller Umbrüche und Veränderungen», fasst Sr. Nadja zusammen.
«In der Geschichte der Baldegger Schwestern ist schon immer etwas aufgebaut worden oder zu Ende gegangen.»
Sr. Nadja Bühlmann, Generaloberin
Mit dem Kleinerwerden der Gemeinschaft verblasst im öffentlichen Gedächtnis das Wissen um die kirchlichen Wurzeln von Einrichtungen, die heute der Staat führt. Das bedauert die eine und andere Schwester in Baldegg, Endzeitstimmung herrscht dort freilich keineswegs. Vom heiligen Franziskus, auf den sich das Kloster beruft und dessen 800. Todestag die Welt diesen Monat begeht, wird gesagt, er sei eine Frohnatur gewesen. Für Sr. Nadja ist es allein schon deshalb wichtig, für die verbleibenden Schwestern Aufgaben zu finden, die sie mit Freude machen könnten, wie sie sagt. Und fügt an: «Wir sollten alle den Humor nicht verlieren.
Die franziskanische Spiritualität kommt in Baldegg heute auf andere Weise zum Ausdruck als in den zahlenmässig starken Ordensjahren. Sr. Nadja sieht etwa im Loslassen-müssen eine Form von Armut. Oder sie macht einen Vergleich: Engagierten sich im Ersten Weltkrieg Baldegger Schwestern bei Verwundetentransporten, werden heute in Baldegg auch Schwestern aus den Klöstern Eschenbach und Fahr gepflegt. «Einander zu helfen ist eine franziskanische Aufgabe», sagt Sr. Nadja.
«Gott führt uns»
Die Baldegger Schwestern nennen sich auch «Schwestern der göttlichen Vorsehung». Die Gelassenheit, mit der sie und ihre Mitschwestern durch den Alltag gehen, erstaunt deshalb nicht. «Wir sind dankbar für das viele Gute, das durch die Baldegger Schwestern wachsen durfte», sagt Sr. Nadja. «Das Vergangene übergeben wir Gottes Barmherzigkeit, in die Zukunft gehen wir vertrauensvoll, im Wissen darum, dass Gott uns immer geführt hat.»
