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Auffahrtsumritte: Wenn sich die Kirche auf den Weg macht

Die Tradition des Umritts an «Uffert» – heuer am 14. Mai – kennt nur der Kanton Luzern. Für Synodalrat Thomas Räber, der in Hitzkirch die berittene Auffahrtsschwadron kommandiert, ist der Umritt vor allem ein Gemeinschaftserlebnis. Aber es sei ungewiss, wie lange es diesen noch gebe.
Durch Felder, Wiesen und Dörfer: Am Auffahrtsumritt ist die Pfarreigemeinschaft einen ganzen Tag unterwegs. | © Herbert Heggli

Räber sucht nach Worten, fragt man ihn, weshalb er Jahr für Jahr hoch zu Ross auf diesem Bittgang durch Felder, Wiesen und Dörfer teilnehme. Der Umritt bedeute ihm einfach viel, sagt er, «Uffert» gehöre zu seinem Leben und sei für ihn ein Gemeinschaftserlebnis, in dem sich auch sein Glaube ausdrücke. «An Auffahrt geht die Kirche zu den Menschen und wartet nicht wie sonst im Gottesdienst auf sie. Das beeindruckt mich.»
Kein Wunder: Ein Rösseler war schon Räbers Vater Sepp, die Familie lebt bis heute in Gelfingen unterhalb des Schlosses Heidegg, der Umritt zieht hier am frühen Nachmittag vorbei. Vor Räbers Haus und Hof steht einer der acht Auffahrtsbögen, bei denen die Prozession Halt macht und ein Seelsorger oder eine Seelsorgerin mit der Monstranz den Segen spendet.

Danken und bitten

Fronleichnamsprozessionen gibt es allerorten, den Umritt an «Uffert» aber nur im Kanton Luzern – Beromünster ist mit bald 520 Jahren der älteste, Hitzkirch mit 25 Kilometern der längste, ansonsten wird noch in Sempach, Altishofen, Ettiswil und Grosswangen umgeritten. Umritte «dienten den weltlichen und kirchlichen Herren zur Kennzeichnung und Bekräftigung ihres Hoheitsgebiets», heisst es auf der «Liste der lebendigen Traditionen in der Schweiz», auf der die Umritte aufgeführt sind. Alois Hodel, der frühere Luzerner Bauernsekretär, übersetzt dies in der «Wiggertaler Heimatkunde» 2018 ins Heute: Am Auffahrtsumritt sei die Pfarreigemeinschaft einen ganzen Tag unterwegs. «Es wird um Gottes Segen gebetet, gedankt für viel Schönes im Leben und in Gottes Schöpfung, und man vertraut Gott persönliche Sorgen und Anliegen an.» Wichtig seien an diesem Tag auch die Begegnungen untereinander.

Vom Glögglibueb zur Auffahrtsschwadron

Thomas Räber war in seinen sechzig Lebensjahren erst wenige Male an Auffahrt nicht zugegen. Schon als Zwölfjähriger wurde er zum Glögglibueb ernannt; hoch zu Ross hatte er fortan der Geistlichkeit anzuzeigen, wenn am Wegrand ein vor einem Hof aufgestellter kleiner Altar ins Blickfeld rückte und der Segen zu spenden war. Später war er berittener Fahnenträger.

Über den Militärdienst beim Train, der mit Pferden arbeitet, kam Räber zur Auffahrtsschwadron, dem berittenen und uniformierten Ordnungsdienst, den er seit rund zehn Jahren kommandiert. Die Schwadron teilt die Prozession ein, achtet auf die Ordnung unterwegs und während der Feiern an den verschiedenen Stationen: Feldgottesdienst in Aesch, Pferdesegnung in Müswangen, Einzug auf den Dorfplatz in Hitzkirch.
 

Seit bald 500 Jahren

Die Dragoner (Reiter) sitzen von morgens um 5 bis nachmittags um 15 Uhr im Sattel, was «ohne Übung streng» sein könne, sagt Räber. Es werde zudem immer schwieriger, Reiter sowie geeignete Pferde zu finden, stellt er fest. Vergangenes Jahr seien es noch zwölf Dragoner gewesen. Mindestens sechs müssten es sein, und er gehöre zu den jüngsten. «Es bröckelt», sagt Räber, und macht dies an einer weiteren Beobachtung fest: Beim Einzug in Hitzkirch sei die Strasse früher «graglet voll» gewesen, doch die Reihen lichteten sich zusehends. Für Räber ist klar: Ohne Schwadron kein Umritt, aber auch nicht ohne Kirchenvolk. Wie lange der Brauch über das 500-jährige Bestehen 2032 hinaus bestehen könne, wisse er nicht.

Für Räber ist der Auffahrtsumritt deshalb «ebenso Pflicht wie Tradition». Von Letzterer gibt es viel. Der Umritt endet für das Volk jeweils in der Pfarrkirche mit dem bildlichen Entschweben einer Christusfigur gen Himmel und dem Lied «Grosser Gott», für die Offiziellen anschliessend im Pfarreiheim mit Beinschinken, Kartoffelsalat und Crèmeschnitte. «Und wir von der Schwadron stimmen zum Schluss ein Dragonerlied an». Thomas Räber strahlt.

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