Wie Bäume, die im Wort Gottes wurzeln
Schwerpunktthema 2026/27 (5)
Daniel Kosch
Die Rede vom verlorenen Sohn, das Weihnachtsfest, der Sieben-Tage-Rhythmus und die Überzeugung, dass auch die Ärmsten eine unverlierbare Würde haben – all das hat biblische Wurzeln. Auch in der Bibel selbst spielt Verwurzelung eine wichtige Rolle. Das Gebetbuch der Bibel (Psalmen) beginnt mit einem Glückwunsch für jene Menschen, die sich in die biblischen Texte vertiefen und ihre Existenz im Wort Gottes verankern: «Wie Bäume werden sie sein, gepflanzt an Wasserläufen, die ihre Frucht bringen zu ihrer Zeit und ihr Laub welkt nicht.» Ihre Wurzeln versorgen sie mit allem, was sie brauchen.
Zudem enthält die Bibel eine Vielzahl von Stammbäumen. Sie verwurzeln Menschen in ihrer Familiengeschichte, in ihrer Herkunft und Verbundenheit mit anderen. Der Stammbaum Jesu bei Matthäus etwa nennt grosse Gestalten wie König David und Abraham, aber auch Frauen am Rande der Gesellschaft – Jesu Wurzeln deuten an, wer er ist: Königskind und zugleich Freund der Menschen am Rand. Glaube braucht Geschichte. Zukunft braucht Herkunft.
Der Apostel Paulus betont die Bedeutung der Verwurzelung für den Glauben. In seinem Brief an die Gemeinde in Rom erinnert er daran, dass das Evangelium Jesu Christi in der Geschichte Gottes mit dem jüdischen Volk verwurzelt ist. Er schreibt: «Nicht du trägst die Wurzel – die Wurzel trägt dich.» Die Erinnerung daran ist angesichts von zunehmendem Antisemitismus wieder besonders aktuell.
Entwurzelt und immer wieder auf der Suche
Neben der Verwurzelung hat auch die Entwurzelung in der Bibel einen hohen Stellenwert: Das Unterwegssein, der Auszug aus der Sklaverei in das Land der Freiheit, der Verzicht auf Familie und Sicherheit, die Hoffnung auf eine «Heimat im Himmel». Abraham brach ins Unbekannte auf, Mose und Mirjam führten das Volk durch die Wüste, und Jesus verlangte von seinen Nachfolgenden, Familie und Sicherheit zurückzulassen.
Das Judentum ist zutiefst geprägt von dieser Erfahrung: Wüstenwanderung, Exil, Zerstörung des Tempels, Zerstreuung in alle Welt und wiederkehrende Verfolgungserfahrungen hatten zur Folge, dass es seine Verwurzelung im Glauben neu definierte: Nicht mehr über das Land und nicht mehr über den Tempel, sondern über die nicht an einen Ort gebundene Bibel. Der jüdische Dichter Heinrich Heine bezeichnete sie als «portatives Vaterland», welches das immer wieder vertriebene jüdische Volk «mit sich herumschleppt». Verwurzelt sein und doch aufbrechen, in Gott geborgen und immer auf der Suche sein, verbunden sein und sich nicht festklammern: Auch das gehört zu den «biblischen Wurzeln» unseres Glaubens und unserer Kultur.
Nicht Museum, sondern Haus mit vielen Wohnungen
In Zeiten der Verunsicherung und Krisen ist die Sehnsucht nach Geborgenheit verbreitet. «Unsere christlichen Wurzeln» werden auch von Menschen ohne besonderen Religionsbezug beschworen. Angesichts der Gefährdung von Demokratie und gesellschaftlichem Zusammenhalt ist diese Besinnung wichtig. Gleichzeitig kann das Rad nicht zurückgedreht werden. Die Kirche der Zukunft kann kein Museum sein, in dem jedes Bild an seinem Platz hängt – aber ein Haus, in dem viele wohnen können. Dafür braucht sie die Freiheit, die Spannung zwischen Verwurzelung und Entwurzelung produktiv zu nutzen.

Der Theologe Daniel Kosch (68) war von 2001 bis 2022 Generalsekretär der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz der Schweiz (RKZ) und ist seit 2023 Präsident des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.