Feuer und Flamme für Tradition

Schwerpunktthema 2026/27 (2)

Eine Tradition zu pflegen heisst, sie historisch zu verstehen und zugleich ins Heute zu übersetzen. Die Kirche, in der viel Kulturerbe der Gesellschaft wurzelt, steht in der Verantwortung, Gewordenes und Gewachsenes zu bewahren wie auch zu aktualisieren.
Beim verantwortungsvollen Umgang mit kulturellem Erbe geht es um das prophetische Vorantragen einer Flamme und nicht um nostalgische Konservierung. | © Adobe Stock

«Wir kämpfen für ein neues Ideal. Wir sind damit die wahren Erben der Herdfeuer unserer Vorfahren: Wir haben daraus die Flamme geholt, ihr habt nur die Asche bewahrt!» Diesen Vorwurf schleuderte der französische Pazifist Jean Jaurès (1859–1914) am 21. Januar 1910 in einer Debatte der Pariser Nationalversammlung seinem Rivalen Maurice Barrès entgegen. Das kämpferische Votum wurde zum geflügelten Wort im Ringen um den zukunftsgerichteten Umgang mit dem Tradierten: sorgfältig aufbewahren oder dynamisch engagieren? 2012 hat Abt Martin Wehrlen daraus einen Titel für eine ebenso besorgte wie Aufsehen erregende Reformschrift gemacht: «Miteinander die Glut unter der Asche entdecken».

Verwurzelt im Überlieferten

Die Weckruf aus Einsiedeln passt ins Stammbuch der Landeskirche. Sie hat die Sorge für das «materielle und immaterielle Kulturerbe» in ihr Leitbild geschrieben und für zwei Jahre zum Motto erhoben. Tatsächlich sind wir als Kirche eine Hoffnungs- und Handlungs- sowie eben auch eine Erinnerungsgemeinschaft. In der Nachfolge von Jesus Christus machen wir die Frohe Botschaft vom nahe gekommenen Reich Gottes gegenwärtig und aktualisieren sie tatkräftig. Als kommunikative Basis dient das Gewordene und Gewachsene – es lässt sich durchaus verstehen als eine Art «Erbschaft». Religiöse Praxis und sakrale Güter der Altvorderen verbinden uns innerhalb der Kirche: sakrale Bauten, kirchliche Bräuche, überlieferte Feiertage, soziale Errungenschaften oder Rechtstraditionen.

Von Zinn- und Porzellantellern

In einer kirchengeschichtlichen und damit theologischen Sicht wird es beim Umgang mit diesem Erbe stets um das prophetische Vorantragen einer Flamme gehen und sicher nicht um nostalgische Konservierung. Eine solche Selbstverpflichtung bewahrt vor Fallen und Versuchungen. Mitunter gibt sich das Ererbte nämlich älter als es wirklich ist: Der weisse und schwarze Rauch bei der Papstwahl entstand nicht in unvordenklichen Zeiten, sondern ist erst rund 150 Jahre alt. Und was noch stärker ins Gewicht fällt: Traditionen können ihre Bedeutung ins Gegenteil verkehren, wenn die Umwelt sich ändert. Klöster verwendeten im Mittelalter Zinngeschirr, weil es dauerhaft und praktisch war und weil es gegenüber dem Silbergeschirr der Vornehmen für eine einfachere Lebensweise stand. Heute gibt es diese Ausstattung nur noch in gehobenen Restaurants; im Alltag verwenden wir Porzellan aus China. Würden Ordensleute immer noch aus Zinntellern essen, geschähe es höchstens dem Buchstaben nach aus «Treue zum materiellen Kulturerbe». In Tat und Wahrheit wäre es nichts als aufbewahrte Asche – ein Verrat am ursprünglichen Ideal.
 

Verstehen und verantworten

Ein reifer Umgang und damit echte Sorge um die Wurzeln erfordert informierte Akteurinnen und Akteure. Zuerst müssen wir verstehen, weshalb ein Element des genannten Erbes so und nicht anders ist: Historische Sachkunde ist gefragt. Dann geht es um die Bedeutung: Wofür stand Zinngeschirr einst – und wofür steht es heute? Auf dieser Basis ist ein verantwortungsvolles Handeln möglich. Es kann uns deutlich näher gehen als monastische Essgewohnheiten oder Papstwahl-Anekdoten. Zu unseren kulturellen Wurzeln gehören nämlich auch Grösse und Anzahl der Kirchgemeinden, die Zahl der Sakralbauten, die Heiratsstrafe bei Kirchensteuern, das Schicksal der Klöster und Stifte oder das Demokratiedefizit der Landeskirche.
Nehmen wir unsere Wurzeln ernst und packen wir mutig die Fackel mit der Flamme aus dem Herd der Vorfahren!
 

Verwurzelt wachsen

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