Das Pfarrhaus Geiss verbindet das ganze Dorf

Schwerpunktthema 2026/27 (3)

Die Renovation des Pfarrhauses Geiss kostet fast sieben Mal mehr als die Kirchgemeinde jährlich an Steuern einnimmt. Doch die rund 360 Kirchenmitglieder stemmen das Projekt vereint. Nicht weil sie frommer sind als anderswo, sondern weil ihnen die Gemeinschaft wichtig ist.
Das Pfarrhaus Geiss ist mit der Kirche, dem Speicher und dem Gasthof Ochsen (vorne, nicht sichtbar) im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder aufgeführt. | © Pascal Hocher

Gegen 1,2 Millionen Franken sind für die Pfarrhausrenovation veranschlagt. Am 19. Mai wird an einer ausserordentlichen Kirchgemeindeversammlung über einen Baukredit von 300'000 Franken abgestimmt, den die Kirchgemeinde noch aufnehmen muss. Kirchmeier Philipp Willi ist zuversichtlich, dass Geiss, zweitkleinste Kirchgemeinde im Kanton, bald bauen kann. «Wir nehmen zwar nur gut 170 000 Franken pro Jahr an Steuern ein, haben aber keine Schulden und sogar ein bescheidenes Vermögen», sagt er.

Stolz und Verantwortung

Bemerkenswert: Schon 530'000 Franken hat die Kirchgemeinde an Spenden zusammengetragen. Organisationen und Stiftungen anschreiben, Bettelbriefe verschicken, Kontakte knüpfen: Dafür sind Marlis Roos und Pia Albisser verantwortlich. Roos, 1964 geboren und zeitlebens in Geiss wohnhaft, kennt fast jede Familie im Dorf. «Wir sind stolz auf unser Pfarrhaus und sehen uns zugleich in der Verantwortung, es zu erhalten», sagt sie. «Es war vor uns da und wird nach uns noch da sein. Unsere Generation steht dafür in der Pflicht.»

Tatsächlich geht das Geisser Pfarrhaus in seinem Kern auf das 17. Jahrhundert zurück. Es ist national geschützt; mit der Kirche, dem Speicher und dem Gasthof Ochsen ist es zudem im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder aufgeführt. Dies löst zwar hohe Beiträge der Denkmalpflege aus, verpflichtet aber auch. Will heissen: Abreissen oder verkaufen ginge gar nicht. Und das Bistum verlangt, dass eine Wohnung bestehen bleiben muss, in die ein Seelsorger oder eine Seelsorgerin einziehen könnte. Roos schmunzelt. Sie erinnert sich an die Zeiten von Pfarrer Anton Frey, Köchin Elise Muri und Hund Zampi. Als Kind klopfte sie nach einer Metzgete jeweils mit Würsten und Most an die Pfarrhaustür. Seit 30 Jahren wird das Haus nicht mehr seelsorgerisch genutzt. Die Wohnung ist vermietet.

Raum für die Gemeinschaft

Im Untergeschoss kehrt nach der Renovation nun aber neues Leben ein. Geplant ist ein Gemeinschaftsraum für etwa 20 Personen, der dem ganzen Dorf zur Verfügung stehen wird. «So etwas fehlt in Geiss», sagt Roos. Sie glaubt, dass die Gemeinde Menznau, zu der das Dorf gehört, die Pfarrhausrenovation auch deshalb mit 100'000 Franken unterstützt. «Ein Freudentag» sei es gewesen, als dieser Betrag eingetroffen sei.

Freudentage erlebte das Spendenkomitee freilich schon öfter. Etwa, als der Männerturnverein einen Betrag überwies. Dieser habe kein Sitzungslokal weiss Roos. Der Gemeinschaftsraum eröffne für manche Vereine also eine Perspektive. Andere Vereine taten es den Turnern deshalb gleich. Überhaupt: Gemeinschaft und Kirche sind in dem kleinen Dorf wichtig. Roos zeichnet keine heile Welt, schätzt aber, was noch vorhanden ist. «Bei uns sind die Bänke im Sonntagsgottesdienst nicht etwa voller», sagt sie. Aber die Verbindung zur Kirche sei noch grösser als andernorts. Das sei auch in der Schule spürbar, ergänzt Willi. Beide finden: In Geiss ist die Sorge um das Kulturerbe Pfarrhaus weniger eine Frage des Glaubens denn der Gemeinschaft.
 

«Es geht gar nicht, wenn wir einander nicht helfen.»

Marlis Roos, Spendenkomitee

Wohl auch deshalb flossen bisher rund 80'000 Franken allein von Privatpersonen auf das Spendenkonto. Roos erstaunt  nicht, dass die Verbundenheit mit dem Dorf sich auch finanziell ausdrückt. Im Umstand, eine finanzschwache Kirchgemeinde zu sein, sieht sie auch einen Vorteil. «Wäre einfach genug Geld da, könnte jemand denken: mich braucht es gar nicht.» In Geiss stärke das Umgekehrte aber die Verbundenheit: «Es geht gar nicht, wenn wir einander nicht helfen.»

Spendenkonto: CH28 8080 8003 4913 8132 2, Raiffeisenbank Menznau-Wolhusen, Betreff: Renovation Pfarrhaus Geiss 

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