Zur Startseite Zur Navigation Zum Inhalt Zur Kontaktseite Zur Sitemapseite Zur Suche

Zwangsversorgte Heimkinder: gezüchtigt im «religiösen Wahn»

Im Namen Gottes wurden sie gequält, noch bis vor zwei Generationen: Kinder in Heimen. Edwin Beeler gibt fünf von ihnen, die der religiöse Wahn nicht zu brechen vermochte, in seinem neuen Film «Hexenkinder» eine Stimme. Die Landeskirche hat diesen unterstützt.

Weil sie das Bett nässt, tunkt sie die Schwester Nacht für Nacht in kaltes Wasser. Sie sei vom Teufel besessen, muss sie sich anhören. Sittlich verwahrlost. MarieLies Birchler, geboren 1950, eine Kindheit im Waisenhaus Einsiedeln. «Ich hatte den ganzen Tag Angst», erinnert sie sich. Oder Willy Mischler (1957): Aus zerrütteten Familienverhältnissen stammend, wurden er und seine Geschwister ins Kinderheim Laufen gesteckt. «Sie packten mich von hinten an den Armen, hoben mich hoch und traten mit voller Wucht gegen mich», erinnert er sich.

«Nie verurteilend»
MarieLies Birchler und Willy Mischler sind zwei von fünf ehemaligen Heimkindern, denen Edwin Beeler in seinem neuen Film «Hexenkinder» eine Stimme gibt. Sie erzählen und wissen: Diesmal glaubt man ihnen. Derweil das Publikum erstarrt: Ob des Ungeheuerlichen, das Kindern «im Kostüm christlicher Seelsorge» (Beeler) bis in die siebziger Jahre angetan wurde.

Im Kanton Luzern haben die katholische Kirche und der Kanton die Geschehnisse in kirchlich geführten Erziehungsanstalten aufgearbeitet (siehe Kasten). Beelers Film richtet die Perspektive nun auf die Betroffenen und belegt damit gewissermassen die behördlichen Studien. Das tut er «mit grösster Sorgfalt, Vertrauen schaffend, Anteil nehmend, doch nie verurteilend», wie Erwin Koller, früherer Leiter der «Sternstunden» des Schweizer Fernsehens SRF findet. Die klare Blickrichtung zeichnet Beelers Film aus: Niemand erklärt, rechtfertigt oder prangert an. Es geht ihm einzig darum, was die damaligen Kinder «durchlitten und mit welcher Kraft sie ihr Schicksal gemeistert haben» (Beeler). Da fliessen Tränen. Wird Wut spürbar. Aber scheint auch die Sonne. «Hexenkinder» ist ein starker Film.

«Ich hatte den ganzen Tag Angst»: das ehemalige Heimkind MarieLies Birchler erhält im Staatsarchiv Zürich Einsicht in ihre Vormundschaftsakten. Links Historikerin Verena Rothenbühler. | © 2020 pd

Hexenkinder früher, Heimkinder heute
Edwin Beeler wollte ursprünglich ein anderes Thema beleuchten. Sein Ausgangspunkt war die Geschichte von Katharina Schmidlin, ein elfjähriges Mädchen aus Romoos, das 1652 hingerichtet wurde, weil es die phantastische Geschichte erzählte, es könne Vögel machen. Beeler interessierte, was das vermeintlich nicht mehr aktuelle Thema der Hexenkinder mit der heutigen Zeit zu tun hat und kam auf die Geschichte der zwangsversorgten Heimkinder. Er stellt fest: «Es gibt ihn heute noch, den religiösen Wahn.» Hexenkinder und Heimkinder: Im Film verwebt Beeler ihre Schicksale.

Die katholische Kirche im Kanton Luzern hat Edwin Beelers Film finanziell unterstützt, wie schon zwei seiner früheren Filme, «Arme Seelen» und «Die weisse Arche». Kirche ist auch Kultur: Die Landeskirche hat dafür im vergangenen Jahr rund 40 000 Franken ausgegeben; Beiträge können jeweils auf Gesuch hin gesprochen werden – für Musik oder Literatur ebenso wie etwa eine Veranstaltung.

Dominik Thali

hexenkinder.ch | Kinostart am 17. September

Kirche blickte schon 2013 «Hinter Mauern»

Verding- und Heimkinder erfuhren in den Jahren um 1930 bis 1970 in kirchlich geführten Erziehungsanstalten im Kanton Luzern grosses Unrecht. Die katholische Kirche und der Kanton haben diese Ereignisse unabhängig voneinander aufgearbeitet und dokumentiert. Sie stellten 2012 ihre Ergebnisse gemeinsam vor; die Studie der Kirche erschien 2013 unter dem Titel «Hinter Mauern» als Buch.
Schon 2008 hatte die Synode, das Kirchenparlament, die Erklärung «Menschenwürde hat Vorrang» verabschiedet, in der die Kirche die Betroffenen um Verzeihung für begangenes Unrecht bat. Im August 2009 wurde in der früheren «Erziehungsanstalt» Rathausen das «Denk-Mal» enthüllt.