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Wie der Glaube «un-glaubl-ich» Kraft schenkt

Eine bunte Vielfalt von Glaubenserfahrungen: die Teilnehmenden der Impulstagung in der Klosterherberge Baldegg. | © 2016 Walter Ludin
Eine bunte Vielfalt von Glaubenserfahrungen: die Teilnehmenden der Impulstagung in der Klosterherberge Baldegg. | © 2016 Walter Ludin

Die Kraft des Glaubens ist  oft «un-glaubl-ich», und der Glaube lebt auch in einer säkularisierten Gesellschaft:  Fazit der Impulstagung des kantonalen Seelsorgerats am Samstag  (29. Oktober 2016) in der Klosterherberge Baldegg. In sieben Workshops kam eine bunte Vielfalt von Glaubenserfahrungen zusammen. 80 Personen nahmen an der Tagung teil. 

Es begann mit einem Wortspiel. Das Wort «unglaublich» wurde in der Einleitung zur Tagung mit Bindestrichen unterteilt, sodass nach der ersten Silbe «un» der Begriff «Glaube» anklang und «Ich» zu lesen war, also «un-glaubl-ich». Die 80 Teilnehmenden des alljährlich stattfindenden Impuls-Treffens des Kantonalen Seelsorgerates Luzern – sie kamen aus 30 Pfarreien – konnten sich in sieben Workshops mit der Frage befassen: Welche besondere und vielleicht überraschende, eben unglaubliche Kraft schenkt mir der Glaube? Eine Politikerin, ein Priester-Schriftsteller, eine Musikerin, ein Landwirt, eine Künstlerin, eine Sucherin und eine Ärztin leiteten die Ateliers.

Kirchenaustritt?
Ein grosser Andrang herrschte in der Gruppe der ehemaligen Luzerner Regierungsrätin Yvonne Schärli. Sie sei «unglaublich stark katholisch erzogen worden» und habe dann unzählige Male an den Kirchenaustritt gedacht. Doch: «Immer wieder hatte ich Begegnung mit Menschen, die aufgrund ihres Glaubens ‹den Nächsten wie sich selber lieben›». So blieb Yvonne Schärli in der Kirche. Die SP-Frau bedauert es, dass in der Öffentlichkeit viel zu wenig wahrgenommen werde, wie viele Gläubige sich sozial engagieren und wie hoch die finanziellen Leistungen der Kirche – dank Kirchensteuern! – für Benachteiligte seien.

«Totsparen»
Je mehr der Staat spare, umso grösser würden die Lücken, die zum Teil durch kirchliche Engagements gefüllt würden, stellte Yvonne Schärli fest. Von der Kirche erwartet sie, dass sie sich lauter gegen die Missstände in der Politik zu Wort meldet.

Das Sparen – «totsparen» – war auch in der Vorstellungrunde des Ateliers von manchen Teilnehmenden angesprochen worden. So meinte ein über 90-jähriger Mann: «Unser grosser Wohlstand und die Misere des Sparens: Das passt doch überhaupt nicht zusammen!»

Proteste gegen Gott
Der deutsche Priester und Schriftsteller Wilhelm Bruners leitete einen weiteren Workshop. Einer breiten theologisch interessierten Öffentlichkeit bekannt wurde er 1988 durch seinen Bestseller «Wie Jesus glauben lernte». Der Autor, der 18 Jahre in Jerusalem lebte, hat eine besondere Vorliebe für Psalmen. Die ganze Breite des Lebens finde sich darin, «vom Lob bis zum Protest». Während in der religiösen Erziehung das Protestieren gegen Gott als Sünde bezeichnet werde, finde sich die Auflehnung gegen ihn in zahlreichen Psalmen.

Wilhelm Bruners formulierte die überraschende These, Gott lasse in Jerusalem die drei abrahamitischen Weltreligionen «ins Leere laufen»: die Juden durch das leere Heiligtum des Tempels, die Christen durch das leere Grab und die Muslime durch den leeren Felsen, von dem aus Mohamed nach der  Glaubensüberzeugung des Islam in den Himmel auffuhr.

Die Kreativität Gottes
Der Baldegger Klosterhofbauer Andreas Marbot befasste sich in seinem Workshop mit der Schöpfung, die wegen der Gier es Menschen aus dem Gleichgewicht gefallen sei. Er forderte dazu auf, die Geiz-ist-geil-Mentalität zu überwinden und bereit zu sein, faire Preise für landwirtschaftliche Produkte zu bezahlen.

Die Malerin Susan Hermann-Csomor (Ballwil) lud in ihrem Atelier dazu ein, Lebens- und Glaubenserfahrungen in Bildern auszudrücken. Ihr Motto: «Die Kreativität in uns ist die Kreativität Gottes.»

Schatten führen zu Gott
Die junge, aus dem Luzerner Seetal stammende Ärztin Lea Stocker, die sich der Psychiatrie zuwendet, betonte: «Die Auseinandersetzung mit unseren Schattenseiten führt uns zu Gott.» Bernadette Baumli (Sachseln), eine junge Frau mit einer cerebralen Behinderung, wurde als «Sucherin» vorgestellt. Sie zeigte in ihrem Workshop, wie Ankerbilder im Leben Halt geben.

Die Sängerin Eliane (Müller) aus Hochdorf erzählte, wie die Musik als Beruf ihr Leben veränderte und welche Rolle der Glaube darin spielt. Ein Höhepunkt des von Bischofsvikar Ruedi Heim geleiteten Schlussgottesdienstes war ihr neuestes Lied.

Walter Ludin

Im Workshop der ehemaligen Luzerner Regierungsrätin Yvonne Schärli (rechts). | © 2016 Walter Ludin
Im Workshop der ehemaligen Luzerner Regierungsrätin Yvonne Schärli (rechts). | © 2016 Walter Ludin
Engagierte Diskussionen, unterschiedliche Erfahrungen: Austausch in einem der sieben Workshops. | © 2016 Walter Ludin
Engagierte Diskussionen, unterschiedliche Erfahrungen: Austausch in einem der sieben Workshops. | © 2016 Walter Ludin
Die Workshop-Leitenden (von links): Andreas Marbot, Susan Hermann-Csomor, Lea Stocker, Wilhelm Bruners, Sängerin Eliane, Yvonne Schärli und Bernadette Baumli. | © 2016 Walter Ludin
Die Workshop-Leitenden (von links): Andreas Marbot, Susan Hermann-Csomor, Lea Stocker, Wilhelm Bruners, Sängerin Eliane, Yvonne Schärli und Bernadette Baumli. | © 2016 Walter Ludin