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Wenn ein Todesfall pastoraler Störfall wird – Kirche muss Freiräume planen

Freiräume in den Pfarreialltag planen: Das SPI ruft zu einer Pastoral auf, in der nicht schon alles verplant ist. | pixabay.com, Sarah Richter, CC0
Freiräume in den Pfarreialltag planen: Das SPI ruft zu einer Pastoral auf, in der nicht schon alles verplant ist. | pixabay.com, Sarah Richter, CC0

Das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) in St. Gallen besteht seit 50 Jahren; das Jubiläum wird am 19. Januar gefeiert. Sein Leiter, der Theologe Arnd Bünker, ruft dazu auf, Kirche mit Freiräumen für Unvorhergesehenes zu planen.

Seit 50 Jahren untersucht das SPI Fragen an der Schnittstelle von Pastoral und Gesellschaft. Braucht es das heute noch?

Arnd Bünker: Das SPI braucht es heute mehr denn je. Als Kirche haben wir Probleme, unseren Ort in der heutigen Gesellschaft zu finden. Migration, soziale Verwerfungen, Globalisierung, Digitalisierung und vieles mehr kommen heute auf die Menschen zu. Wie verändert das ihre Situation? Die Kirche kann sich nur gut auf die Menschen einlassen und damit auch ihren Auftrag wahrnehmen, wenn sie versteht, in welcher Situation Menschen heute leben, in denen sich ihnen die Frage nach Sinn und vielleicht auch nach Gott stellt.

Inwiefern hilft ihr dabei das SPI?

Arnd Bünker: Unser Institut trägt stark dazu dabei, der Kirche eine realistische Sicht auf die Welt von heute zu geben. Auch auf die sehr unterschiedlichen Lebensbedingungen, Lebensstile und Wahrnehmungen der Menschen. Schon seit langer Zeit müssen wir von einer Exkulturation des Glaubens sprechen. Gemeint ist ein Fremdwerden des Glaubens gegenüber den Lebenswirklichkeiten.

«Wir haben Probleme, unseren Ort in der Gesellschaft zu finden.»

Wenn die Kirche mit ihrer Botschaft wieder ankommen soll, muss sie sich neu auf die Kultur der Menschen einlassen und in der Auseinandersetzung mit ihnen und ihrer Lebenswirklichkeit neu entdecken, was der Glaube heute für die Menschen bedeutet.

Seit einem halben Jahrhundert betreibt das SPI Forschung. Haben sich die Schwerpunkte seither gewandelt?

Arnd Bünker: Es gibt sowohl Wandel als auch Kontinuität. Zur Vorbereitung des Institutsjubiläums habe ich alle Verwaltungsratsprotokolle gelesen. Ich habe gestaunt, wie aktuell die Themen sind, die man vor 50 Jahren besprochen hat. Personalmangel und Migration, die Jugend, neue Medien – damals nicht das Internet, sondern der Fernseher –  und die Frauen in kirchlichen Berufen. Die Grundthemen sind die gleichen. Aber es gibt auch Wandel. Wir diskutieren die Dinge heute völlig anders.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Arnd Bünker: Ende der 1960er-Jahre war die katholische Kirche extrem stark: Volle Kirchen, wachsende Gemeinden. Die ganze Gesellschaft war in einer Wachstumsdynamik. Die Modernisierung wurde damals als linear und eindeutig wahrgenommen: Alles wird immer mehr. Dieses Denken herrschte auch in der Kirche. Man plante neue Kirchenbauten für immer mehr Gläubige. Wir haben heute noch Kirchen in der Schweiz, die auf der grünen Wiese stehen, weil die Bevölkerungsentwicklung am Ende doch anders gelaufen ist. Man ahnte damals nicht, dass es noch eine andere Form der Modernisierung geben würde – nämlich eine Modernisierung in den Köpfen und Herzen der Menschen. Dazu gehörte auch, dass die Menschen ihr Verhältnis zur Kirche und zum Glauben neu überdachten. Ende der 1960er-Jahre setzte ein Kulturwandel ein, der zu einer Entfremdung weiter Teile der Kirchenmitglieder von ihren Kirchen führte. Das SPI erkannte das recht früh.

Eröffneten sich aufgrund des tiefgreifenden Wandels nicht doch neue Forschungsgebiete? Etwa: Neue Kirchen werden heute nicht mehr im grossen Stil gebaut. Dafür steht immer mal wieder die Frage der Umnutzung von Sakralbauten im Raum.

Arnd Bünker: Das ist ein gutes Beispiel. Noch vor Jahrzehnten wurden Kirchen mit einer bestimmten Idee von Gemeinschaft gebaut: Alle kommen sonntags zum Gottesdienst und für sie muss Platz sein. Heute stellen wir fest, dass viele Kirchen weitaus mehr Besucher und Besucherinnen ausserhalb der Gottesdienstzeiten haben als während der Feiern. In der Pastoral wissen wir oft noch nicht, wie wir mit den religiösen Bedürfnissen umgehen, die sich in den Menschen zeigen, die ausserhalb der Gottesdienstzeiten eine Kirche aufsuchen. Das muss reflektiert werden. Wir fangen gerade erst an, dieses Phänomen zu erforschen. Etwa am Beispiel der Kathedrale St. Gallen.

Zum Jubiläum hat das SPI nicht die Forschung, sondern die Planungsarbeit in den Vordergrund gestellt. Wieso?

Arnd Bünker: Früher fragte man sich bei der Planung: Wo müssen wir die nächste Kirche bauen? Dabei orientierte man sich am Bevölkerungswachstum, das man im Voraus berechnen konnte – so meinte man jedenfalls. Das funktioniert heute nicht mehr. Wir kennen zwar die Mitgliederzahlen.

«Die Planungsprozesse sind viel komplizierter geworden.»

Aber auf blosse Zahlen hin eine Kirche zu bauen, heisst noch nicht, dass die Leute die Kirche dann auch besuchen. Die kirchlichen Planungsprozesse sind viel komplizierter geworden. Es gibt viel mehr Faktoren, die man berücksichtigen muss. Trotzdem müssen wir Entscheidungen fällen, zum Beispiel Personal anstellen.

Worauf kann man sich noch abstützen, wenn sich alles ständig wandelt?

Arnd Bünker: Wir müssen die Beweglichkeit als Planungsgrundlage nehmen und in diesem Wandel Orte der Sicherheit schaffen, vielleicht nicht für die lange Dauer, aber doch auf Zeit. Vielleicht bauen wir heute keine Kirchen mehr, die wir für die nächsten Jahrhunderte stehen lassen wollen. Aber wir schaffen Räume, in denen wir Menschen ermöglichen, sich immer wieder neu zu orientieren. Wir müssen heute sogar mehr planen als früher. Aber es muss eine Planung sein, die sich nicht so festlegt wie früher. Wir müssen so planen, dass wir die Möglichkeiten, die sich künftig bieten, nutzen können. – Ohne diese Möglichkeiten jetzt schon zu kennen.

Was bedeutet das für die Seelsorge?

Arnd Bünker: Wir dürfen nicht so planen, dass wir die Seelsorgenden mit Aufgaben überladen und sie nicht mehr auf das reagieren können, was passiert. Es braucht einen Wechsel von einer sehr festgelegten Form der Pastoral, wo man immer schon weiss, was man zu tun hat, wo alles schon verplant ist, hin zu einer Pastoral, die stärker als früher offen ist für das, was von den Menschen her und mit ihnen auf die Kirche zukommt.

Was braucht es dazu?

Arnd Bünker: Es braucht Freiräume. Ein Beispiel: Wenn ein Todesfall zu einem pastoralen Störfall wird, weil er sämtliche Terminkalender durcheinander bringt, sind die Terminkalender zu dicht beschrieben. Die Freiräume, in denen die Kirche auf Unvorhergesehenes reagieren kann, müssen geplant werden. Deshalb haben wir unsere Tagung auch «Planen in der Kirche – Räume öffnen» genannt.

Interview: Barbara Ludwig / kath.ch

Feier am 18. Januar

Das Schweizerische Pastoralsoziologische Institut (SPI) in St. Gallen untersucht den sozialen, kulturellen und vor allem religiösen Wandel in der Gesellschaft. Es wird von der katholischen Kirche in der Schweiz getragen. Am 18. Januar feiert das SPI sein 50-jähriges Bestehen mit der Tagung «Planen in der Kirche. Räume öffnen – (keine) Wunder erwarten».