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Unterwegs mit Asylsuchenden: auftanken für den gemeinsamen Weg

Referentin Véronique Schoeffel im Gespräch mit Minu, die persönlich erfahren hat, was Flucht und Integration bedeutet. | © 2017 Monika Fischer
Referentin Véronique Schoeffel im Gespräch mit Minu, die persönlich erfahren hat, was Flucht und Integration bedeutet. | © 2017 Monika Fischer

Viele Menschen wollen angesichts der weltweiten Flüchtlingsströme nicht resignieren, sondern handeln, mit entwurzelten Menschen einen Weg gehen und eine Brücke sein fürs gemeinsame Menschsein. Für diese oft schwierige Aufgabe konnten sie vor Ostern am Auftanktag der katholischen Kirche der Stadt Luzern Kraft tanken.

«Um andern Gutes zu tun, muss es mir gut gehen», betonte Bernadette Inauen, die den Anlass zusammen mit Beata Pedrazzini organisiert hatte. Sie freute sich über die zahlreichen Freiwilligen, die im Kanton Luzern Asylsuchende im Alltag auf verschiedenste Weise begleiten. Die Voten der Anwesenden zeigten: Sie wollen für Menschen, die hier Schutz suchen, eine menschliche Präsenz sein. Sie tun dies im Bewusstsein, wie privilegiert wir in der Schweiz leben und möchten etwas davon an Menschen weitergeben, die weniger Glück hatten.

Das Unterwegssein mit Menschen aus anderen Kulturen erfahren sie als interessant und bereichernd, aber auch als anspruchsvoll und herausfordernd. Dies kann beide Seiten an Grenzen bringen. Schwierig auszuhalten sind die unterschiedlichen Lebensbedingungen oder die Unsicherheit mit den betroffenen Menschen, die oft alles verloren haben und keine Sicherheit bezüglich ihrer Zukunft haben. Mühe bereiten können auch das fehlende Verständnis der Prioritäten, das Verhalten auf anderem kulturellen Hintergrund und die Verständigung infolge fehlender Sprachkenntnisse. Entsprechend gross war das Interesse am Auftanktag im «MaiHof» Luzern, angeboten von der Katholischen Kirche der Stadt Luzern, Bereich Migration. Diese Weiterbildung stand angesichts des grossen Bedürfnisses auch für Menschen aus dem ganzen Kanton offen.

Vom schwierigen Weg in der neuen Kultur
Véronique Schoeffel, Expertin für interkulturelle Kommunikation, verglich das Unterwegssein mit Menschen aus andern Kulturen mit einer Wanderung und suchte gemeinsam mit den Anwesenden nach Verbindungen zur Migration und zur Begleitung von Migranten. Welches sind die schönen, die schwierigen, die wichtigen Momente bei einer Wanderung? Zu den wichtigen Momenten einer Begleitung gehören die Entscheidung für den Aufbruch, die Kapazität, das Schöne zu sehen und zu geniessen und die Bedeutung der Pausen und des Picknicks, um wieder Kräfte zu bekommen.

Die Fachfrau zeigte auf, was der Kulturschock bedeutet und wie sich die damit verbundenen Veränderungen auf die betroffenen Menschen und den Integrationsprozess auswirken. Nachdem asylsuchende Menschen alles Vertraute zurückgelassen haben, fühlen sie sich zwar in der Schweiz zuerst in Sicherheit. Sie haben ein Dach über dem Kopf und zu essen. Doch benötigen sie ihre ganze Energie, um sich in der neuen Kultur zurechtzufinden und die Sprache zu lernen. Diese Anstrengungen verbunden mit der Unsicherheit, ob sie bleiben können, sorgen für Verwirrung, machen oft müde und kraftlos. Véronique Schoeffel betonte: «Der Weg von einer Kultur in eine andere braucht vor allem Zeit und ist mit Veränderungen verbunden.» Erst nach dem Durchleben der Trauer über das Zurückgelassene und dem «Gang durch die Wüste» sei ein Neuanfang wirklich möglich. Das Wissen um die Befindlichkeit der geflüchteten Menschen ist hilfreich für die Begleitpersonen, um sich danach auszurichten und um das Verhalten zu verstehen.

Ein offenes Herz und achtsame Präsenz
Die Anwesenden diskutierten, wie sie den geflüchteten Menschen in den verschiedenen Phasen der Veränderung am besten gerecht werden können. In der Phase der Trauer sind ein offenes Herz und eine achtsame Präsenz besonders wichtig. Die geflüchteten Menschen brauchen jemanden, der ihnen zuhört, wenn sie über das Zurückgelassene sprechen wollen, damit sie allmählich die Vergangenheit loslassen und Vertrauen fassen können. Wenn sich die Menschen einsam und kraftlos fühlen, gelte es, sich und die anderen nicht mit unmöglichen Zielen zu überfordern und sich Zeit zu lassen für weitere kleine Schritte. Dies könne heissen, ohne grosse Erwartung da zu sein, gemeinsam etwas zu tun, zusammen zu kochen und zu essen. Die Situation und Befindlichkeit der Asylsuchenden wirkt sich auch auf die Begleitpersonen aus. Entscheidend sei neben dem Wissen um die Zusammenhänge die Reflexion über das eigene Tun: Wie passe ich auf mich auf? Wo finde ich wieder Kraft für den nächsten Schritt? Denn Menschen begleiten braucht viel Energie und Offenheit. Auf sich aufzupassen ist eine Verantwortung, wenn wir andere offen und positiv begleiten möchten.

Text und Bilder: Monika Fischer