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Sepp Riedener: «Weihnachten nicht in der Gemütlichkeit versinken lassen»

┬Das Kommen Jesu ist eine riesige Herausforderung für uns.»: Sepp Riedener in der Gassenküche Luzern, die er mitgegründet hat.| © 2015 Jutta Vogel
┬Das Kommen Jesu ist eine riesige Herausforderung für uns.»: Sepp Riedener in der Gassenküche Luzern, die er mitgegründet hat.| © 2015 Jutta Vogel

«Das Kommen Jesu ist eine riesige Herausforderung für uns», sagt der Luzerner Theologe, Seelsorger und Gassenarbeit-Pionier Sepp Riedener. Er hat zwar nichts gegen «wohlige Festatmosphäre»,  aber es genüge nicht, sich in Form einer Idylle an den kleinen Jesus in die Krippe zu erinnern und dabei der Bezug zu notleidenden Menschen heute, zum Beispiel zu Flüchtlingen, fehle.

 

Weihnachten steht vor der Tür. Freuen Sie sich auf das Fest?
Sepp Riedener: Ja, ich freue mich. Das ist das erste Mal seit langem, dass ich über Weihnachten keinen offiziellen Dienst habe. Zum ersten Mal kann ich voll für die Familie und die Grosskinder da sein. Ich freue mich sehr auf das gemeinsame Feiern. Jahrelang habe ich Weihnachten zusammen mit den Menschen von der Gasse geteilt. Am Nachmittag mit einem Gottesdienst im Paradiesgässli und am Abend die Feier in der Gassenküche. Wir teilten Brot und Wein und sangen Lieder, immer draussen und oft bei unter null Grad. Das war wunderbar. Ich musste nie eine Predigt vorbereiten, denn das Draussensein ist der Alltag dieser Menschen. Es begegnet uns auch in der Weihnachtgeschichte: «Denn sie hatten keinen Platz in der Herberge.» Viele erzählten von sich, wie es ihnen geht. Das hat mich immer sehr beeindruckt.

Werden Sie diese Feiern vermissen?
Ein wenig schon. Es gehört einfach zu mir. Im letzten Jahr bin ich in der Pfarrei St. Johannes eingesprungen und habe dort am Weihnachtstag Gottesdienst gefeiert. Das passte mir und ich freute mich darauf. Deshalb wird mir in diesem Jahr schon ein wenig etwas fehlen. Auf der anderen Seite will ich mich jetzt ganz auf die Familie mit den Grosskindern einlassen. Das wird etwas Wunderbares!

Weihnachten ist heute geprägt von Konsum und Kommerz. Der Kern von Weihnachten ist teilweise bis zur Unkenntlichkeit verstellt. Ist das Fest der Liebe überhaupt noch zu retten?
Ich würde unterscheiden. Nebst dem ganzen kommerziellen Missbrauch von Weihnachten gibt es das immer noch, das Fest der Liebe. Eltern und Grosseltern, Gotten und Göttis kümmern sich mit viel Liebe um Geschenke und schenken den Kindern Zeit und Zuwendung. Da passiert unglaublich viel an Zuneigung und Beziehung. Dann ist Weihnachten immer noch ein Fest, an dem viele Leute in die Kirche gehen. Der Kerngedanke des Festes, dass Jesus in die Welt kommt und Licht bringt, ist immer noch ein tragendes Element und für viele bleibt es wichtig, sich daran zu erinnern. Obwohl es vielfach keine gefährliche Erinnerung mehr ist. Sie droht in der weihnachtlichen Gemütlichkeit zu versinken und wird zur harmlosen Erinnerung.

Warum ist Weihnachten für Sie mit einer gefährlichen Erinnerung verbunden?
Das Kommen Jesu ist eine riesige Herausforderung für uns. Die Botschaft der Menschwerdung bedeutet für uns, dass wir selber füreinander Mensch werden und uns gegenseitig beistehen müssen. Die Botschaft Jesu vom Reich Gottes gilt heute noch. «Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben.» Dieser Auftrag aus dem Matthäusevangelium ist für uns Christinnen und Christen nach wie vor eine rechte Herausforderung.

Was passiert, wenn der Weihnachtsbotschaft dieser Stachel der gefährlichen Erinnerung gezogen wird?
Die Menschen geben sich gerne der wohligen Festatmosphäre hin, um eine Pause vom Alltag zu machen. Das ist legitim, aber wenn die ursprüngliche Botschaft Jesu dabei ausgeklammert wird, geht etwas Wesentliches von Weihnachten verloren. Ich will nicht verallgemeinern, aber die Gefahr besteht, dass man sich in Form einer Idylle an den kleinen Jesus in die Krippe erinnert und Mitleid hat mit dem herzigen Baby, das schutzlos in die Welt kommt. Ein Bezug zu notleidenden Menschen, zum Beispiel zu Flüchtlingen, fehlt dann vollkommen. Jesus wurde auf der Flucht geboren. Auch heute sind doch Millionen von Menschen ebenfalls auf der Flucht. Das ist doch die genau gleiche Situation. Das wird allzu schnell vergessen. Auf solche Zusammenhänge müssen wir als christliche Kirchen noch vielmehr den Finger darauf halten.

Dann ist Weihnachten also eine Gelegenheit für die Kirchen, ihr Profil zu schärfen?
Wenn die Kirchen die Weihnachtsbotschaft ganz konkret umsetzen. Ich mache ein Beispiel: Um Weihnachten herum verkaufen die Menschen auf der Gasse jeweils etwa 10’000 Exemplare der «Gasseziitig» des Vereins kirchliche Gassenarbeit mit Geschichten von Randständigen. Ihre Geschichten sprechen an und machen betroffen. Und schon passiert Weihnachten. Wer ins Gespräch mit den Verkäuferinnen und Verkäufern der «Gasseziitig» kommt, lässt eine Begegnung zu. Wir merken, dass hinter diesen Gesichtern Lebensgeschichten stecken. In solchen Begegnungen wird Weihnachten als das Fest der Liebe sichtbar und greifbar.

Sie scheinen zuversichtlich, dass für das Weihnachtsfest noch Hoffnung besteht.
Ganz klar! Weihnachten passiert wesentlich in der Begegnung von Menschen und oft im Verborgenen. So wie Jesus ja auch im Verborgenen in die Welt gekommen ist. Jesus kam im Kleinen und konnte nicht die ganze Welt auf einmal retten. Er konnte nicht alle heilen oder vom Rand in die Mitte nehmen. Und wenn er das nicht schaffte, dann schaffen wir es ganz sicher auch nicht. Aber er half vielen einzelnen. Er sprach sie an, schaute ihnen in die Augen und richtete sie auf. Für uns heisst das, dass auch wir im Kleinen anfangen können oder anders ausgedrückt: Global denken, lokal handeln. Wir können die Beziehungen in unseren Familien oder in unserem Umfeld stärken und aktualisieren und die Menschen motivieren, füreinander da zu sein, gerade über die Festtage.

Sie haben gesagt, dass Jesus Menschen vom Rand in die Mitte nahm. Damit hat er bereits bei seiner Geburt angefangen. Die Hirten, Menschen am Rand der damaligen Gesellschaft, sahen den neugeborenen Heiland als erste. Wer würde heute als erste von den Engeln zur Krippe gerufen?
Ich schaue jetzt mal vor allem auf Luzern und sage: Jesus käme in die Gassenküche, um Weihnachten zu feiern. Die Leute von der Gasse sind für mich die ersten von vielen, die zur Krippe gerufen sind.

Wenn Sie hier und jetzt mit lebendigen Menschen und Tieren eine Krippenszene nachstellten könnten. Wie würde die aussehen?
Das wäre eine sehr vielfältige Krippe. Die Leute von der Gasse habe ich schon erwähnt. Dann denke ich an alle Flüchtlinge. Jene, die übers Meer zu uns kommen, und die Abertausenden, die von Mittelamerika her in die USA gehen möchten. Und da höre ich einen Donald Trump, der drei Millionen sogenannte Illegale zurückschaffen will und am liebsten eine Mauer erreichten würde. Die Menschen, die an dieser Mauer stehen, kämen auch in meine Krippe. Und alle, die unter dem Existenzminimum leben. Aber es gehören nicht nur Randgruppen an die Krippe. Auch unter den normalen Bürgerinnen und Bürger gibt es Menschen, die mit einem riesigen Herz da sind und uns in der Randgruppenarbeit unterstützen. Ganz viele haben ein echtes Bedürfnis zu helfen. Denen müssen wir eine Chance geben, etwas zu bewirken. Das kann noch besser gelingen, wenn unsere Arbeit im Dienst der Gemeinschaft glaubwürdig ist und noch weiter nach aussen strahlt und möglichst viele Menschen überzeugt.

Zu den Menschen am Rand der Gesellschaft gehören auch die Sexarbeiterinnen. Der Verein Lisa setzt sich ein für ihre Interessen. Als Beirat von Lisa engagieren Sie sich nach den Menschen auf der Gasse jetzt auch noch für die Sexarbeiterinnen. Warum?
Ich kenne die Problematik der Sexarbeiterinnen von der Gassenarbeit her. Früher hatte die Gassenarbeit einen Bus für Frauen auf dem Strich. Das war ein ähnliches Angebot wie heute der «hotspot», der Beratungscontainer von Lisa im Ibach, nur in kleinerer Form und spezifisch für die Frauen von der Gasse. Diese werden von Freiern schamlos ausgenutzt, weil sie wissen, dass sie Geld für Drogen brauchen. Als ich angefragt wurde mitzuhelfen, Spenden für den Verein Lisa zu sammeln, konnte ich nicht anders als zusagen. Ich sah die Gesichter dieser Frauen vor mir. Das sind oft Mütter aus Bulgarien, Rumänien oder Ungarn. Sie schaffen hier an, damit sie ihre Kinder zuhause in die Schule schicken können. Die kommen nicht aus Lust am Sex hierher, sondern um Geld zu verdienen.

Weiter besteht für mich vom christlichen Glauben her ein Auftrag zu helfen. Während des Jahres der Barmherzigkeit, das eben erst zu Ende ging, hat uns Papst Franziskus klar vor Augen geführt, dass wir zur Barmherzigkeit verpflichtet sind. Er sagte:

«Die Kirche ist nicht auf der Welt um zu verurteilen, sondern um den Weg zu bereiten für die ursprüngliche Liebe, die die Barmherzigkeit Gottes ist. Damit dies geschehen kann, müssen wir hinausgehen auf die Strasse. Hinaus aus den Kirchen und Pfarrhäusern, um den Menschen dort zu begegnen, wo sie leben, wo sie leiden, wo sie hoffen». (aus: Der Name Gottes ist Barmherzigkeit: Ein Gespräch mit Andrea Tornielli)

Das entspricht meiner eigenen Glaubensüberzeugung. Ebenso wie die Forderung von Franziskus, dass die Kirche an die Ränder der Gesellschaft gehen müsse, sonst ist sie nicht mehr Kirche. Ich meine, dass wir das wie nicht hören wollen und Kirche weiterhin vor allem mit Kultus und Liturgie in Verbindung bringen. Dafür wird massiv mehr Geld ausgegeben als für Soziales und Diakonie. Das belegen ganz klar die Budgets und Rechnungen unserer Kirchgemeinden, ohne jetzt auf einzelne Beispiele eingehen zu wollen.

Woher kommt dieses Ungleichgewicht?
Das frage ich mich auch. Ich weiss es nicht. Ich weiss aber, dass wir mehr auf den Papst hören sollten. Wir müssen uns in den Kirchgemeinden grundsätzlich überlegen: Was bedeutet es, Barmherzigkeit zu leben? Die Bildung der Pastoralräume im Bistum Basel wäre doch eine gute Gelegenheit, in jedem Pastoralraum einen Verantwortlichen für die Diakonie zu benennen, so wie es überall einen verantwortlichen Priester für die Liturgie und Seelsorge gibt. Die Diakonie muss in den Kirchgemeinden und Pfarreien strukturell viel besser verankert werden. So wie es etwa in der Kirchgemeinde der Stadt Luzern schon jetzt der Fall ist, wo es einen Verantwortlichen für die Sozialdiakonie gibt. Sonst werden wir weder der Botschaft von Papst Franziskus noch derjenigen von Jesus gerecht.

Wie engagieren Sie sich konkret für den Verein Lisa?
Ich sammle Spenden und wirke als kirchlicher Türöffner. Ich bringe meine Beziehungen und Erfahrungen ins Spiel, die ich von der Gassenarbeit her habe. Dieses Jahr haben wir bei Luzerner Pfarreien und Kirchgemeinden einen sehr erfolgreichen Aufruf gemacht. Es ist schön zu sehen, wie viele ein offenes Ohr für die Bedürfnisse der Sexarbeiterinnen haben und bereit waren, Kollekten aufzunehmen oder uns finanziell zu unterstützen. Obwohl es um ein Thema geht, dass in der Kirche sonst eher nicht zur Sprache kommt. Man könnte erwarten, dass die Leute denken, sie würden mit einer Spende die Sexarbeit fördern. Diese Erwartung trifft nicht zu. Im Gegenteil. Ich staune über die Grossherzigkeit diesen Frauen gegenüber. Durch mein Engagement trage ich dazu bei, dass der Verein Lisa seine Angebote in Zukunft weiter ausbauen kann.

Wie erklären Sie sich die Bereitschaft der Kirchgängerinnen, Geld für Sexarbeiterinnen zu spenden?
Ich denke, dass auch das mit Papst Franziskus zu tun hat. Er hat jetzt ein Jahr lang Wesentliches über die Barmherzigkeit gesagt. Er hat aber nicht nur darüber geredet, sondern viele Symbolhandlungen vollzogen, die verstanden wurden. Franziskus ging nach Lampedusa und hat die Flüchtlinge umarmt. Er liess auf dem Petersplatz Duschen für Obdachlose einrichten. Bei der Heiligsprechung von Mutter Teresa lud er 1500 Arme ein zu einer feinen Pizza. Er gab Castel Candolfo als Sommerresidenz auf und gab den prächtigen Palazzo für die Öffentlichkeit frei. In Polen klopfte er auf den Tisch und forderte die Aufnahme von Flüchtlingen. Franziskus setzte diese Zeichen und öffnete damit in Pfarreien und Kirchgemeinden Türen für barmherziges Handeln. Ich spüre in der ganzen Weltkirche eine Atmosphäre der Barmherzigkeit.

Was sagen Sie Leuten, die es nicht verstehen können, dass sich die Kirche für Sexarbeiterinnen stark macht?
Ich respektiere private Meinungen und kann Vorbehalte nachvollziehen. Der christliche Glaube aber sagt mir etwas anderes. Ich zitiere Jesus, der gesagt hat: «Ich bin gekommen, den Armen eine frohe Botschaft zu bringen.» Das ist mein Glaube und den will ich leben. Jesus selbst setzte sich für eine Prostituierte ein, die gesteinigt werden sollte. Er stand hin und fragte die Leute, ob sie denn nie etwas falsch machten. «Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.» Daran orientiere ich mich. Ich berufe mich auch auf unseren Franziskus, der sagte, dass wir an die Ränder der Gesellschaft gehen müssen, sonst sind wir nicht mehr Kirche. Diesen Glauben möchte ich zum Tragen bringen.

Sie sind seit einiger Zeit im Pensionsalter. Trotzdem arbeiten Sie weiter und engagieren sich in diversen sozialen Projekten. Warum geniessen Sie nicht längst den wohlverdienten Ruhestand?
Das hat viel mit meiner Biographie zu tun. Erstens komme ich selber aus der Armut. Daher habe ich eine grosse Betroffenheit, was Armut anbelangt. Zweitens meine Sozialisierung in der Gemeinschaft der Redemptoristen. In deren Satzungen steht klar geschrieben, dass sie zuallererst für die Menschen am Rand da sind. Drittens die Bibel mit ihrer Option für die Armen. Das alles ist für mich Verpflichtung und Auftrag. Davon kann ich mich nicht einfach lossagen. Ich bin gesund und kann noch etwas bewirken. Natürlich nicht mehr im gleichen Rahmen wie früher, aber ich kann für die Armuts- und Suchtbetroffenen noch immer gute Dienste leisten. Da will ich noch mitmachen, ganz klar.

Kürzlich wurde Ihnen der Ehrendoktor der Uni Luzern für Ihre Verdienste als Gründer der Kirchlichen Gassenarbeit verliehen. Was bedeutet ihnen dieser Titel?
Einerseits erschrecke ich bei jedem Brief an mich, der mit Dr. h.c. adressiert ist. Ich denke, der ist für einen anderen oder falsch adressiert. Es kommt mir richtig komisch vor. Es passt überhaupt nicht zu mir. Andererseits bin ich doch dankbar für diesen Titel, denn ich möchte ihn brauchen als Türöffner bei der Beziehungsarbeit oder für die Mittelbeschaffung, die ich jetzt mache. Es hilft sicher, wenn ich Spendenbriefe oder Unterstützungsgesuche als Ehrendoktor unterschreiben kann.

Verstehen Sie den Ehrendoktortitel auch als Bestätigung für Ihre bisherige Arbeit?
Sicher. Die Ehrung zeigt mir, dass die ökumenische Gassenarbeit als ein Flaggschiff der Luzerner Kirchgemeinden und als gelebte Ökumene wahrgenommen wird. Ich weiss von solchen, die aus der Kirche ausgetreten sind und anstatt Kirchensteuer zahlen, die Gassenarbeit unterstützen. Wieder andere bleiben in der Kirche, weil die Gassenarbeit ein Kirchenprojekt ist und sie es mit ihren Steuergeldern unterstützen wollen. Diese Akzeptanz ist in den letzten 30 Jahren stetig gewachsen.

Interview: Urban Schwegler

Sepp Riedener

Der Theologe Sepp Riedener, 73,  kam Mitte der siebziger Jahre nach Luzern, wo er die kirchliche Gassenarbeit aufbaute und 1985 Mitgründer des Trägervereins dafür war. Auf Riedener geht auch das «Paradiesgässli» zurück, eine Anlaufstelle speziell für Familien, die von Sucht betroffen sind. Für seinen Einsatz für Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt wurden, erhielt Riedener im November den Ehrendoktor-Titel der theologischen Fakultät der Universität Luzern.

www.gassenarbeit.ch