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«Schöpfungszeit»: jede Handvoll Erde ein Universum

«Mut machen, dass es anders geht»: Agi Gehrig, Jules Rampini und Regula Grünenfelder auf einem Pflanzblätz auf dem Kräuterbetrieb Dönihus in Grosswangen. | © 2018 Roberto Conciatori
«Mut machen, dass es anders geht»: Agi Gehrig, Jules Rampini und Regula Grünenfelder auf einem Pflanzblätz auf dem Kräuterbetrieb Dönihus in Grosswangen. | © 2018 Roberto Conciatori

Wie viel Boden braucht der Mensch? Wenig, wenn er ihm seine Seele lässt. Und sich selbst die Freude, die Erde zu bebauen. Eine Luzerner Interessengemeinschaft will kleine und mittlere Bauernbetriebe mit diesem Ziel vernetzen und begeistern.

Jules Rampini bearbeitet seine kleinen Äcker zum Teil mit dem Pferd und sät an den Hängen von Hand. Er will mit der Erde, die ihn nährt, in Berührung kommen. «Das geht nicht gleich, wenn ich nur mit dem Traktor darüber fahre.» Rampini greift mit beiden Händen in die Scholle und meint: «Jede Hampfele ist ein kleines Universum.» Leben, ohne das der Mensch selbst keines hat. «Aber wir töten immer mehr davon ab, wenn wir einfach ‹Wirtschaft› darüber stülpen», sagt Rampini.


Vernetzen und ermutigen

Der Theologe übernahm 2002, mit 40, den Sechs-Hektaren-Betrieb seiner Eltern «auf einem Hoger» oberhalb Luthern, den er seither mit Nebenerwerb bewirtschaftet. Seit vier Jahren ist er auch Pastoralassistent in der Pfarrei, seine Frau Béatrice arbeitet halbzeitlich als Heilpädagogin. Auch Agi Gehrig, auf einem Kleinbauernhof in Nottwil aufgewachsen, kehrte wie Rampini nach Jahren in einem anderen Beruf zu ihren Wurzeln zurück. Sie hatten eine kaufmännische Ausbildung gemacht und bewirtschaftet seit 2009 den Bio-Kräuterbetrieb Dönihus in Grosswangen.

Vor zwei Jahren gründete Gehrig mit der Theologin Regula Grünenfelder Lueg jetzt. Die Interessengemeinschaft (IG) vernetzt Bauernfamilien von kleinen und mittleren Betrieben und ermutigt sie zum Weitermachen. Im Trägerverein, den Grünenfelder präsidiert, verbinden sich Menschen, denen eine «beseelte Landwirtschaft», wie es in einem Faltblatt von «Lueg jetzt» heisst, am Herzen liegt. Rampini gehört zur Fachkommission der Beratungsstelle des Vereins: «Viele möchten wie wir ihre kleinen Familienbetriebe erhalten, wissen aber nicht, wie. Da braucht es Gesprächspartner mit Erfahrung und Ideen.


«Es geht!»

Solche kleinbäuerlichen Familien «leben und wirtschaften achtsam mit Natur und Tieren», was sich «in einer vielfältigen Landschaft und in Lebensmitteln» zeige, «die gute Energie und Freude bereiten», heisst es in dem Faltblatt weiter. Die Bedeutung der kleineren Betriebe werde aber noch «zu wenig gesehen». Viele müssten aufgeben, «obwohl die Landwirte gerne und erfolgreich gesunde, lokale Nahrung produzieren möchten». Was auch ein wichtiger Beitrag zur Versorgungssicherheit und einer vielfältigen Landwirtschaft wäre, meint die IG.
Heute sage man, unter 30 Hektaren könne man nicht mehr rentabel bauern, stellt Gehrig fest. «Unsere Erfahrung sagt: Es geht!» Die 56-Jährige ist ein Energiebündel, das von der Freude jener zehrt, denen sie mit ihrer Begeisterung selbst Freude geschenkt hat. «Das macht mich so glücklich», sagt sie eins ums andere Mal, wenn sie von den Erfolgen der IG berichtet.Etwa, wie es letzthin gelang, innert Kürze mehrere kleine Lieferanten für zehn Hektaren Öl-Sonnenblumen an eine Mühle in Zell zu vermitteln («ohne Zwischenhandel!»), wie eine junge Bäuerin in Ettiswil über die IG Stärkung und helfende Hände fand oder zwischendurch Geld für die Anschaffung eines Geräts fliessen kann.

 

«Boden ist nicht einfach Produktions­kapital, sondern hat auch einen spirituellen Wert.»

Jules Rampini

Ihr Aha-Erlebnis hatte Gehrig 2009, als sie während einer Auszeit in Tibet feststellte, mit wie wenig Boden dort Familien ihr Auskommen fristen können. «Auf einer Fläche, die wir allein für den Rasen vor dem Haus haben, bauen die Tibeter Getreide an, das für ein ganzes Jahr reicht – und das auf über 4000 Metern Höhe.» Sie kehrte heim, kündigte ihre Stelle, verkaufte das Auto und stellte ihr Leben um. Als Jahre später der Druck gleichwohl so gross wurde, dass man im Dönihus ans Aufgeben dachte, lernte sie Regula Grünenfelder kennen, die Leiterin der Fachstelle Feministische Theologie der «FrauenKirche Zentralschweiz». Grünenfelder fand Agi Gehrigs freiwillige, unbezahlte Beratungsarbeit so wichtig, dass die beiden Frauen gemeinsam eine Organisation entwickelten, um diese Arbeit langfristig zu sichern, wirksamer und bekannter zu machen.»


Die Lebensgrundlage Boden

«Lueg jetzt» ist die organisatorische und wirtschaftliche Hilfe für die kleinen und mittleren Bauernbetriebe wichtig. Der IG geht es aber auch darum, Boden nicht bloss als Produktionskapital in der Buchhaltung zu bilanzieren, sondern dessen spirituellem Wert zu sehen, wie er in der «Mutter-Erde-Theologie in den Ländern des Südens» (Rampini) verankert sei. «Der fruchtbare Boden ist die existentielle Grundlage allen Lebens», sagt Regula Grünenfelder. «Und zwar auch für die nachfolgenden Generationen.» Verdichtete und versalzene Böden bedeuteten «das Ende organischen Bodenlebens und Erntens».


Beharrlich und geduldig sein

«Lueg jetzt» sieht sich nicht im Widerstand gegen die grossbäuerliche Landwirtschaft. Gegen Missstände zu kämpfen sei unrealistisch und gefährlich, sagt Regula Grünenfelder. «Wir können aber einladen, genauer hinzuschauen, Alternativen stärken und Not lindern.» – «Mut machen, dass es anders geht», ergänzt Gehrig.

Die Beharrlichkeit und Geduld, die dazu erforderlich sind, tragen Früchte, wie Jules Rampini schon erlebt hat. Etwa wenn ein Bauernkollege unaufgefordert einen Waldrand aufwertet. «Es bringt nichts, jemanden ‹du musst› zu sagen. Die Menschen müssen die anderen Möglichkeiten selbst entdecken.» Die eigene Glaubwürdigkeit stärkt dabei die Veränderung. Er käme ja auf ein höheres Einkommen, sagt Rampini, wenn er damals, wie viele Kollegen, auf intensivere Viehhaltung gesetzt hätte. «Aber darunter würde die Natur leiden. Und ich hätte weniger Freude am Bauern.»

Dominik Thali

luegjetzt.ch

Jetzt ist «Schöpfungszeit»

Der 1. September gilt bei den orthodoxen Kirchen als der Tag der Schöpfung. Mit der Veröffent­lichung der Enzyklika Laudato si 2015 hat Papst Franziskus diesen Tag als «Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung» auch in der römisch-katholischen Kirche eingeführt. Die Schweizer Bischofskonferenz empfiehlt, das Thema «Schöpfung» vom 1. September bis 4. Oktober, dem Gedenktag des Heiligen Franz von Assisi, in der Liturgie einzubringen. Die «Schöpfungszeit» schliesst damit das Erntedankfest und den Bettag mit ein.

schoepfungszeit.ch