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Regierungsrats Guido Graf: «Der Bettag ist so aktuell wie eh und je»

Das Plakat von Kirchen und Kanton Luzern zum Bettag 2017 ; Regierungspräsident Guido Graf.
Das Plakat von Kirchen und Kanton Luzern zum Bettag 2017 ; Regierungspräsident Guido Graf.

Das denkt Regierungspräsident Guido Graf über Solidarität, Integration oder die Rolle der Kirchen. Im Interview zum Eidgenössischen Dank-, Buss und Bettag sagt der Luzerner Gesundheits- und Sozialdirektor, was unsere Gesellschaft zusammenhält und warum für ihn der Bettag noch immer sinnvoll ist.

Das Bettags-Thema von Kirchen und Kanton Luzern heisst in diesem Jahr «zusammen halten. Zusammenhalten». Was hält eine Gesellschaft ihrer Meinung nach zusammen?
Guido Graf: Die gemeinsamen Werte. Konkret denke ich an Demokratie, Konkordanz, Solidarität, Subsidiarität, Respekt, Gleichheit, Freiheit und Sicherheit.

Die Bundesverfassung hält fest, dass sich die Stärke des Volkes am Wohl der Schwachen misst. Was zeichnet einen guten Umgang der Gesellschaft mit ihren schwachen Gliedern aus?
Insbesondere Integration und Inklusion: Eine Gesellschaft steht in der Pflicht, ihre schwachen und schwächsten Glieder bestmöglich zu integrieren, so dass sie am öffentlichen Leben teilhaben können und nicht ausgegrenzt werden. Dafür braucht es geeignete Rahmenbedingungen von Staat und Wirtschaft sowie Information und Sensibilisierung der Bevölkerung. Die Worte «Einer für alle, alle für einen» sind denn auch in der Kuppel des Bundeshauses zu finden.

Sie erwähnen die Solidarität. Welchen Stellenwert hat sie für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Einen sehr hohen. Bemerkenswert an der Solidarität ist, dass sie quasi bedingungslos ist. Die solidarische Unterstützung gründet in erster Linie auf nichts anderem als dem Zusammengehörigkeitsgefühl und dem Bedürfnis, füreinander einzutreten. Somit hat für mich Solidarität auch etwas Selbstloses und Gemeinschaftliches. Kurz: Solidarität bedeutet für mich, diejenigen zu unterstützen, die es nicht mehr schaffen, aus eigener Kraft für sich und ihre Nächsten zu sorgen. Ich verstehe es als Hilfe zur Selbsthilfe.

Man könnte vermuten, dass in einer Gesellschaft, die sich zunehmend individualisiert, die Solidarität unter den Gesellschaftsgruppen und Individuen abnimmt. Erkennen Sie in der Schweiz oder im Kanton Luzern Anzeichen für eine solche Entwicklung?
Es ist in der Tat so, dass der Individualismus in unserer Gesellschaft immer mehr zunimmt und die Gemeinschaft an Stellenwert verliert. Wo zum Beispiel die Familie einst zentral war, übernimmt nun der Staat deren Funktion immer mehr. Das finde ich falsch. Die Familie als kleinste soziale Einheit muss gestärkt werden. Denn sie ist das Fundament unserer Gesellschaft. Hier ist auch der Staat in der Verantwortung, familienfreundlichere Politik zu betreiben und damit die Gemeinschaft zu stärken. Weiter ist zu beobachten, dass ehrenamtliche Ämter in Gemeinden, Verbänden und Vereinen immer schwieriger zu besetzen sind. Auf der anderen Seite gibt es aber nach wie vor viele Bürgerinnen und Bürger, die sich freiwillig engagieren. Fachleute sagen voraus, dass die Freiwilligenarbeit durchaus Zukunft habe, da das Streben nach Selbstbestimmung und sinnvoller Beschäftigung wieder zunehme. So finde ich es sehr erfreulich, dass es in unserem Kanton Gegenbewegungen – auch von jungen Menschen – gibt, die solidarische und gemeinschaftsfördernde Projekte wie Nachbarschaftshilfe, Mittagstische oder Gemeinschaftsgärten initiieren.

Wo ist Solidarität heute besonders nötig?
Aufgrund des demografischen Wandels wird die Solidarität zwischen Jung und Alt immer mehr auf den Prüfstand gestellt, zum Beispiel bei der AHV oder bei den Krankenkassenprämien. Dabei darf nicht vergessen werden, dass die älteren Generationen handkehrum zahlreiche unbezahlte Leistungen – oftmals in beträchtlichem Umfang – für jüngere Generationen erbringen, zum Beispiel in Form von Kinderbetreuung. Alles in allem dürfen ältere Menschen unter keinen Umständen nur noch als Kostenfaktoren angesehen werden, vielmehr ist diesen Menschen mit Wertschätzung und Dankbarkeit zu begegnen, denn wir haben es zu einem grossen Teil ihnen zu verdanken, dass es uns heute so gut geht. Zudem ist es wichtig, uns auch gegenüber Asylsuchenden und Flüchtlingen, die unseren Schutz dringend benötigen und an Leib und Leben bedroht sind, solidarisch zu zeigen.

Was können Sie als Regierungsrat tun, um den Zusammenhalt im Kanton Luzern zu stärken?
Wir alle stehen in der Pflicht: Staat, Wirtschaft, Gesellschaft und jeder einzelne Bürger, jede Bürgerin. Der Staat insbesondere muss gesunde Sozialwerke erhalten und dabei auch gegen Missbrauch vorgehen, Schlupflöcher stopfen und schlechte Anreize korrigieren. Der Kanton Luzern hat zum Beispiel mit der Beseitigung von Schwelleneffekten oder der Revision der Prämienverbilligung wichtige Massnahmen eingeleitet, dass sich Arbeit lohnt. Der Staat muss zudem auch soziodemografische Veränderungen wie zum Beispiel die Alterung der Gesellschaft in den Sozialwerken berücksichtigen und integrieren. Zudem muss im Asyl- und Flüchtlingswesen mit gezielten Integrationsmassnahmen, die fordern und fördern, erreicht werden, dass möglichst viele Migrantinnen und Migranten nachhaltig ein wirtschaftlich unabhängiges Leben führen können. Eigenverantwortung ist und bleibt zentral. So wird der Sozialstaat finanziell entlastet, und das Geld wird an jene verteilt, die wirklich auf staatliche Hilfe angewiesen sind. Das stärkt sowohl den Sozialstaat als auch die Wirtschaft. Diese ist gefordert, ihre soziale Verantwortung wahrzunehmen, zum Beispiel, indem sie Menschen, die nicht voll leistungsfähig sind, im Arbeitsmarkt eine Chance gibt.

Welche Rolle spielt die Religion für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft?
Die Grundprinzipien der katholischen Soziallehre sind Grundausrichtungen für das Handeln in der Gemeinschaft. Die Sozialprinzipien Personalität, Solidarität und Subsidiarität sind Werte, die in unserer vom Christentum geprägten westlichen Gesellschaft allgemein gelten und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft positiv beeinflussen. Da aufgrund der aktuellen Migrationsbewegungen nun aber immer mehr Menschen mit anderen kulturellen und religiösen Hintergründen und somit auch anderen Sozialprinzipien zu uns kommen, ist es sehr wichtig, dass wir für unsere christlich geprägten Werte als eine Art Leitkultur einstehen, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu sichern. Damit meine ich nicht, dass andere Religionen nicht gelebt werden dürfen, aber sie dürfen unsere gültigen Werte nicht aberkennen und/oder missachten.

Worin sehen Sie die Aufgaben der christlichen Kirchen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt?
Eine ihrer zentralen Aufgaben besteht darin, den Zusammenhalt der christlichen Glaubensgemeinschaft sicherzustellen. Darüber hinaus leisten die Kirchen auch in umfassendem Mass karitative Aufgaben, die essentiell sind für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ich denke hier – um nur ein Beispiel zu nennen – an die Kirchliche Gassenarbeit, die Randständige wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückholt.

Ist der der Bettag für Sie noch aktuell?
In meiner Kinder- und Jugendzeit hat meine Familie den Dank-, Buss- und Bettag jeweils sehr bewusst begangen. Wir besuchten den Gottesdienst und haben die Regeln des Ruhetags befolgt. Das hat mich geprägt. Der Bettag ist für mich nach wie vor ein Tag, an dem ich bewusst innehalte, um zu danken und zu beten.
Interessant am Bettag finde ich, dass es sich dabei um einen staatlich verordneten überkonfessionellen Feiertag handelt. In der Geschichte erhielt dieser Feiertag seine spezielle Bedeutung insbesondere mit der Gründung des Schweizer Bundesstaates im Jahr 1848, dem der Sonderbundskrieg vorausgegangen war. Seither sollte der Dank-, Buss- und Bettag ein Feiertag sein, der von den Angehörigen aller Konfessionen und Ideologien gefeiert werden konnte. Er ist damit vor allem auch staatspolitisch begründet, mit dem Ziel, Respekt vor dem konfessionell und politisch Andersdenkenden zu fördern und somit auch die Solidarität untereinander. In diesem Kontext ist der Bettag heute doch so aktuell wie eh und je, für uns alle.

Interview: Urban Schwegler, Redaktor des Pfarreiblatts der Kirchgemeinde Luzern

 

Der Bettag 2017

Am 17. September 201 feiern wir, wie immer am 3. Sonntag in diesem Monat, den Eidgenössischen Dank-, Buss- und Bettag. Kirchen und Kanton Luzern stellen dieses Jahr ihre gemeinsame Aktion unter das Motto Zusammen halten. ZusammenhaltenSie rufen dazu auf, zum Zusammenhalt beizutragen und die Kraft des Zusammenhaltens wertzuschätzen. Der Bettag 2017 gibt Anlass dazu, sich Zeit für das Nachdenken darüber zu nehmen, wo für uns Zusammenhalt wichtig ist und wo wir selber dazu beitragen.

Regierungspräsident Guido Graf ist am Bettag um 10.30 Uhr Gast im ökumenischen Gottesdienst in der Johanneskirche in Luzern.