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Notfallseelsorge: Wenn kein Stein auf dem anderen bleibt

Wie ein Rettungsboot: Die Notfallseelsorge, sinnbildlich fotografiert im Kieswerk Ballwil. Von links: Alexandra Felder, Brigitte Dubacher. Nicole Blättler und Christoph Beeler, | © 2020 Thomas Stucki
Wie ein Rettungsboot: Die Notfallseelsorge, sinnbildlich fotografiert im Kieswerk Ballwil. Von links: Alexandra Felder, Brigitte Dubacher. Nicole Blättler und Christoph Beeler, | © 2020 Thomas Stucki

Die Organisation Notfallseelsorge/Care Team ist wie ein Rettungsboot. Seine Besatzung kann das Schlimme nicht ungeschehen machen. Aber da sein, zuhören. Gedanken und Gefühle ordnen. Lebenshilfe im oft löchrigen sozialen Netzwerk der Menschen, von den Kirchen mitgetragen.

«Manchmal ist weniger mehr», sagt Care Giverin Alexandra Felder und erzählt von einer Familie, zu der sie nach einem Suizid gerufen wurde. Als jemand den Abschiedsbrief des verstorbenen Mannes verlas, wollten sie und ihre Teamkollegin sich zurückziehen: Das war ihnen zu persönlich. Doch die Frau bat darum, zu bleiben. Als Felder sie einige Zeit später zufällig traf, dankte die Frau ihr – für das Dasein, fürs Zuhören. «Sie sagte mir, sie habe ihre Familie in dem Moment nicht ertragen, sie sei ihr zu nahe gewesen», erzählt Felder.

«Wahrnehmen, was gerade wichtig ist»

Alexandra Felder hat einen medizinischen Beruf erlernt und ist heute als Radioreporterin tätig. Seit sieben Jahren gehört sie der Organisation Notfallseelsorge/Care Team im Kanton Luzern an und rückt aus, wenn Menschen in Not Hilfe brauchen – bei plötzlichen Todesfällen, bei Unfällen oder Naturereignissen, beim Überbringen einer Todesnachricht; 2019 war das 90 Mal der Fall. «Wahrnehmen, was dann gerade wichtig ist, nach dem Bedürfnis fragen, nicht selbst wissen wollen, was gut täte: das ist der Schlüssel», sagt Christoph Beeler. Er leitet die Notfallseelsorge seit gut fünf Jahren, ein Team von derzeit 37 Mitarbeitenden. Beeler, einer der nur sechs Seelsorgenden darunter, leitet beruflich den Pastoralraum Oberseetal. Wichtig auch: «Man darf selbst zwar betroffen sein, sich aber nicht beteiligen lassen», sagt Brigitte Dubacher, pensionierte Polizistin und seit der Gründung im Team. Es brauche Distanz, um handlungsfähig zu bleiben.

Notfallseelsorgende und Care Givers helfen den Betroffenen, ihre Gefühle und Gedanken zu ordnen und zeigen ihnen auf, wo sie weitere Hilfe holen können. Längstens nach vier Stunden sind sie wieder weg. «Wir sind immer nur ein Provisorium und niemals Teil der Schicksalsgemeinschaft», betont Beeler. Er stellt aber zunehmend fest, dass Betroffene kaum ein soziales Netzwerk und niemanden haben, der sie in der Not auffangen könnte. Die Notfallseelsorge erhält auch Aufgebote, die keine eigentlichen Care-Einsätze sind und früher von den ortsansässigen Pfarrämtern übernommen wurden. Die kirchliche Verbundenheit schwindet.

Die Wirklichkeit hilft, zu verstehen

Die Notfallseelsorge füllt deshalb eine wichtige und grösser werdende Lücke. Care Giverin Nicole Blättler stellt das zum Beispiel fest, wenn es darum geht, sich von einer verstorbenen Person zu verabschieden. «Dies ist einerseits ein grosses Bedürfnis, anderseits fürchten sich manche Angehörige vor dem Anblick, wenn etwa jemand verunfallt ist.» Hier gehe es darum herauszuspüren, was zumutbar sei. «Das letzte Bild», wie Blättler sagt, sei wichtig für die Verarbeitung; die Wirklichkeit helfe zu verstehen. Als Pflegefachfrau und Bestatterin hat Blättler viel Erfahrung damit.

Glaube und Religion stünden in der Notfallseelsorge nicht im Vordergrund; «wir leisten notfallpsychologische, nicht spirituelle Hilfe», sagt Christoph Beeler. Die Kirche als Mitträgerin ist für ihn in dieser Aufgabe eine Organisation, die Hilfe leistet in der Gesellschaft, ohne Mission und Zwang. Seelsorgerin, Seelsorger sei im übrigen jeder, der sich der christlichen Botschaft einigermassen nahe fühle. Den barmherzigen Samariter aus der Bibel nennt er als Beispiel dafür.

Dominik Thali

Kirchen und Staat in gemeinsamer Verantwortung

Die ökumenische Notfallseelsorge besteht seit 2002; 2012 schloss sie sich mit dem Care Team Zentralschweiz zur Organisation Notfallseelsorge/Care Team Luzern zusammen. Sie zählt rund 40 Mitarbeitende, wovon sechs kirchliche Mitarbeitende sind. Notfalleseelsorgende und Care Givers sind über ihre Arbeitgeber entschädigt, die Erwerbsausfall-Entschädigung (EO) erhalten. Geleitet wird die Organisation von Christoph Beeler, Pastoralraumleiter im Oberseetal, und Thomas Seitz (Luzern).
Die Organisation Notfallseelsorge/Careteam wird gemeinsam getragen von den drei Luzerner Landeskirchen und dem Kanton. Im Notfall wird sie vom Rettungsdienst 144, der Polizei oder Feuerwehr aufgeboten.


Alles zum Jubiläumsjahr

Der Beitrag über die Organisation Notfallseelsorge/Care Team ist Teil des Projekts Boot-Schafterinnen/Boot-Schafter im 50-Jahre-Jubiläum der katholischen und reformierten Landeskirche Luzern. Dieses steht unter dem Motto «Kirche kommt an». Mehr dazu gibt es hier: