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Kirchliche Sozialarbeit: positive Erlebnisse machen Mut

Die kirchliche Sozialarbeiterin Martina Helfenstein mit einer Klientin im Garten des ehemaligen Kapuzinerklosters Sursee. Sozialhilfebezüger bepflanzen und pflegen hier einige Beete. | © 2016 Andreas Wissmiller
Die kirchliche Sozialarbeiterin Martina Helfenstein mit einer Klientin im Garten des ehemaligen Kapuzinerklosters Sursee. Sozialhilfebezüger bepflanzen und pflegen hier einige Beete. | © 2016 Andreas Wissmiller

Zu Martina Helfenstein in das Pfarrhaus von Sursee kommen Menschen in Not. Die Inhaberin der Stelle «Soziale Arbeit der Kirchen Sursee» beschreibt, warum Klienten bei ihr anklopfen und welchen Wert ihre Pfarrei der Diakonie beimisst.

Welche Menschen begegnen Ihnen?
Martina Helfenstein: Es sind unterschiedliche Menschen, oft am Rand der Gesellschaft. Vielen ist die Not gar nicht anzusehen. Ältere Leute aus der Pfarrei kommen, auch Jüngere, Schweizer, Ausländer.

Was suchen diese Menschen?
Menschen in Not möchten ernst genommen werden. Es geht ihnen oft gar nicht um Finanzen, sondern dass jemand Zeit hat und den Überblick behält, was wann bei welcher sozialen Stelle erledigt werden muss. Ein häufiges Phänomen im sozialen Bereich ist beispielsweise das Öffnen der Post. Manche Personen machen das zu Hause nicht mehr, weil sie Angst vor der nächsten Rechnung oder einem weiteren, für sie müh­samen Formular haben. Sie kommen dann regelmässig zu mir und wir öffnen die Post gemeinsam und schauen sie im Gesamtkontext an. So lange, bis diese Menschen es wieder selbst können. Dann gibt es auch Menschen, die erst kommen, wenn es wieder brennt. Insgesamt fällt es vielen schwer, sich und anderen einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen. Die meisten probieren, möglichst lange, alles selber zu schaffen.

Braucht es auch finanzielle Hilfe?
Ja, die ist zum Beispiel nötig bei Menschen, die knapp keine Sozialhilfe bekommen oder bei solchen, die zwischen Stuhl und Bank fallen.

Wieso fallen in der Schweiz Menschen durch das soziale Netz?
Das geht manchmal ganz schnell: wenn eine Person der IV zu gesund erscheint und der Arbeitslosenver­sicherung oder dem Arbeitgeber zu krank. Oft dauert es auch, bis die
Sozialhilfe anläuft, bis die Klienten alle Unterlagen beisammen haben, das sind ja grosse Dossiers. Auch in persönlichen Krisenzeiten wird immer mehr Eigenverantwortung gefordert, und das können manche Menschen einfach nicht. Wichtig scheint mir auch: Sozialhilfe ist nicht üppig und erfordert einen permanent disziplinierten Umgang mit dem Geld. Ihr Sinn war ursprünglich eine vorübergehende Hilfe für die Bezüger, aber je länger, je mehr gibt es Menschen, die dauerhaft davon leben müssen. Wenn es dann nach zehn Jahren eine grössere Anschaffung braucht, ein Möbel etwa, fehlt das Geld natürlich.

Sie begegnen viel sozialer Not. Was macht Ihnen Freude?
Ich freue mich, wenn Klienten merken, dass ihre Situation nicht ausweglos ist, wenn sie die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen. Hier denke ich zum Beispiel an ältere Leute, auch solche mit Rollator, die sich dank der kirchlichen Seniorenferien wieder alleine zutrauen, mit Bus und Zug zu fahren. Ermutigung durch positive Erlebnisse bieten auch die Gartenbeetli des Projektes im ehemaligen Kapuzinerkloster. Sozialbezüger bepflanzen und pflegen die Beetli und erleben dabei: Da wächst etwas, das ich gesetzt habe. Und ich habe selber entschieden, was für Pflanzen. Mir gelingt noch etwas. Sozialbezügern werden ja viele Entscheidungen abgenommen und sie kennen eher die Erfahrung des Misserfolgs.

Sie verwenden für Ihre Arbeit die Begriffe Sozialarbeit und Diakonie. Was meinen Sie damit?
Unter Diakonie verstehe ich, dass Freiwillige und Pfarreiseelsorgende, überhaupt Menschen die Notlagen von anderen erkennen und für Personen am Rand da sind. Zu modernen Randständigen zähle ich oft auch Alleinerziehende und Erwachsene mit psychischen Problemen. Bei der professionellen Sozialarbeit kommt noch etwas hinzu: Diese hat den Anspruch, Lösungen für soziale Probleme zu finden. Das müssen Freiwillige, normale Mitmenschen nicht unbedingt. Auch in der jüngst erschienenen Broschüre «Brennpunkt Diakonie» des Bistums Basel (s. Kästchen) findet sich diese Unterscheidung.

Was bezweckt diese Broschüre?
Die Diakoniekommission des Bistums erklärt darin, was Diakonie ist, und unterstreicht, wie wichtig der Kirche dieser Bereich ist. Das Bistum möchte ja auch flächendeckend in allen Pastoralräumen Diakonie als Schwerpunkt umgesetzt sehen.

Wie sieht das in Sursee aus?
Die Diakonie wird, ähnlich wie die Liturgie, sehr hoch eingeschätzt. Sie macht fast ein Drittel der kirchlichen Tätigkeit aus, das ist nahezu ideal. Meine Stelle wurde zügig und aus klarer Überzeugung geschaffen, übrigens von katholischer und reformierter Kirche gemeinsam. Die Stelle ist auch nicht zeitlich begrenzt. In Sursee ist dem Kirchenrat und der Pfarrei der Wert der Freiwilligenarbeit sehr bewusst. Den Einsatz dieser Menschen braucht es unbedingt.

In der kirchlichen Sozialarbeit finden sich praktisch nur Frauen. Zu Diakonen weiht die Kirche nur Männer. Wie passt das zusammen?
Richtig: Bei den meisten Stellen in kirchlicher Sozialarbeit, die ich kenne, arbeiten Frauen. Der hohe Frauen­anteil im sozialen Bereich ist etwas «Normales», auch im Schulbereich oder in der Pflege. Mir scheint, dass der Beruf des Diakons heute nicht mehr so viel mit diakonischer Arbeit zu tun hat, zumindest nicht mit kirchlich professioneller Sozialarbeit. Mir persönlich genügt mein Beruf, so wie er ist.

Interview: Andreas Wissmiller

«Brennpunkt Diakonie»

Das Bistum Basel hat im Juni die Broschüre «Brennpunkt Diakonie» veröffentlicht. Sie richtet sich an kirchliche Behörden, Theologen und Theologinnen in der Seelsorge und Sozialarbeiterinnen sowie weitere Interessierte. Zu den Autorinnen zählt auch Martina Helfenstein. Das Heft gibt eine Übersicht über die ganze Bandbreite an Begriffen von D wie Diakonie bis Z wie zukünftige Herausforderungen. Es wirbt auch für mehr professio­nelle Sozialarbeit in der Kirche.

Die Broschüre «Brennpunkt Diakonie. Aspekte zur Sozialen Arbeit in der Kirche» kann unter www.diakonie-bistum-basel.ch kostenlos heruntergeladen werden.

Diakoniebroschüre