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Katechetin Silvia Buob und ihre Weihnachtsgeschichte: Handeln, wenn der Engel blinzelt

Vier Freunde und eine Idee: Anna, Peter, Felix und Lisa auf dem Weg zur Waldhütte, in der die Flüchtlingsfamilie lebt, die sie heimlich unterstützen - eine der Illustrationen aus dem «Blinzuelengel»-Buch. | © 2016  Tania Piscioli
Vier Freunde und eine Idee: Anna, Peter, Felix und Lisa auf dem Weg zur Waldhütte, in der die Flüchtlingsfamilie lebt, die sie heimlich unterstützen - eine der Illustrationen aus dem «Blinzuelengel»-Buch. | © 2016 Tania Piscioli

In dieser Geschichte geht nicht alles mit rechten Dingen zu. Aber wenn vier Kinder sie in die Hand nehmen, kann durchaus ein Wunder geschehen. Das Bilderbuch «Der Blinzel-Engel» erzählt davon. Eine höchst aktuelle Weihnachtsgeschichte.

Es geht um Menschen auf der Flucht im «Blinzel-Engel» und um jene Menschen, bei denen die Flüchtenden ankommen. Um uns also, zum Beispiel.

An einem Mittwoch im September, vergangenes Jahr, fiel Silvia Buob, Katechetin in Ruswil, diese Geschichte ein; sie war laufen gegangen wie jeden Tag, in die Natur, denn da fallen ihr die Ideen jeweilen ein, «wie ein Regen», sagt sie. Sie begegnete an diesem Tag also dem «Blinzel-Engel» da draussen, kehrte heim, setzte sich noch im Garten an den Tisch und schrieb und schrieb, «Buuretütsch, ich bin fast erfroren»; schrieb, bis alles aufgeschrieben war. «Bevor ich alles wieder vergessen würde.»

Das Bild des toten Aylan
Am anderen Tag ging das Bild jenes syrischen Jungen um die Welt, den der Krieg mit seiner Familie in die Flucht getrieben und tot an den Strand einer türkischen Stadt gespült hatte. Der dreijährige Aylan hatte die Überfahrt nach Europa, wie viele vor und nach ihm, nicht überlebt.

Das habe sie tief getroffen, sagt Silvia Buob. Denn Aylan könnte auch jener Bub sein, den die vier Freunde Anna, Peter, Felix und Lisa in der «Blinzel-Engel»-Geschichte eines Tages in einer verlotterten Hütte am Waldrand entdecken. Hier leben offenbar Menschen. Eine Flüchtlingsfamilie, denken sich die Vier und hecken einen Plan aus. Sie lassen da und dort
Essen oder Kleider mitlaufen und legen gleichsam als Quittung ein Kärtchen mit dem «Blinzel-Engel» zurück. Als die Frau krank wird, geht es Schlag auf Schlag … bis am Schluss das ganze Dorf wirklich Weihnachten feiert.

Ereignisse überstürzen sich
In der Geschichte zu dieser Geschichte überstürzen sich die Ereignisse nicht minder. Der «Blinzel-Engel», ein gezeichnetes Advents­geschenk des damals achtjährigen Sven, hatte schon bald zwei Jahre am Kühlschrank von Familie Buob geklebt, als ihn Silvia Buob endlich in seine Bestimmung befreien konnte. Dafür erhielt der augenzwinkernde Engel noch am gleichen Abend, als die vor Ideen sprühende Katechetin ihre Geschichte aufgeschrieben hatte, gute Gesellschaft. Denn von Illustratorin Tania Piscioli, von Silvia Buob sogleich per SMS angefragt, traf binnen Minuten eine Zusage ein.

Die gebürtige Tessinerin, die seit 16 Jahren in der Deutschschweiz lebt, war die Lehrmeisterin von Silvia Buobs Tochter Aline als Dekorations­gestalterin gewesen. Ihr Traum war es schon lange, ein Kinderbuch zu gestalten. Allein, ihr fehlte die passende Geschichte. Der Rest lässt sich denken: «Silvia hat quasi mich aus­gesucht und ich sie», erzählt Tania Piscioli. «Ich war sofort dabei.»

Aus Heften geschnitten
Pisciolis Technik ist einzigartig: Sie schneidet jedes Element ihrer Illustrationen aus dem dafür passenden Bild eines Hefts aus, klebt die win­zigen Teile zu einem Ganzen zusammen und ziseliert sie mit feinem Stift – dem Kater die Schnauzhaare, den Kindern die lachenden Gesichter. Wer genau hinschaut, erkennt etwa in den verschneiten Dächern die Maschen eines Strickpullovers. Entstanden sind so wahre Wunderwerke.

Zutrauen und Vertrauen
Autorin und Illustratorin schafften es vor einem Jahr, den «Blinzel-Engel» auf die Adventszeit hin sozusagen aufführungsreif zu trimmen. Silvia Buob erzählt die Geschichte einige Male in ihrer Gschechtestobe in der alten Kaplanei, sie war Thema an einem Vorweihnachtsabend für Erwachsene, in der Integrationsgruppe sowie in einem Rorategottesdienst, und die 150 selbst gedruckten Bücher gingen allesamt weg. Die Suche nach einem Verlag gestaltete sich dann aber schwierig. Bis, endlich, Markus Kappeler vom Luzerner rex verlag Anfang Juni zusagte. «Dann ratterte es nur noch», erzählt Silvia Buob. Bis sie nach den Sommerferien das erste Buch in den Händen hielt. Ziel erreicht. Die vier Freunde in dem Buch, das ist, so besehen, auch ein wenig Silvia Buob selbst: «Wenn man sich etwas zutraut und anderen Menschen vertraut, öffnen sich unversehens Türen.»

Im «Blinzel-Engel» sind es die vier Kinder, die so über sich selbst hinauswachsen. «Sie schaffen es, das ganze Dorf hinter sich zu vereinen, ohne dass ihnen jemand sagt, wie», freut sich Silvia Buob. «Kinder können das. Sie entscheiden mit dem Bauch und ziehen eine Sache durch. Anders als wir Erwachsenen. Unser Verstand macht uns mitunter träge.»

Der «Blinzel-Engel» sei «eine wunderbare Geschichte, die Kindern hilft, die dramatischen Bilder von Menschen auf der Flucht positiv zu verarbeiten», schreibt der Verlag über das Bilderbuch. «Auch wenn die vier Freunde die Welt nicht ändern, zeigen sie doch, wie eine Geste des Schenkens Wärme verbreiten und Fremde mit uns verbinden kann.»

«Gar kein Problem»
Silvia Buob unterrichtet zwar Erst- und Zweitklässler, hat aber beim «Blinzel-Engel» nicht nur an Kinder gedacht. Sondern auch an die Grossen. «Und auch an mein Dorf.» Sie habe gerade hier «ganz viele» gute Rückmeldungen auf den «Blinzel-Engel» erhalten.

Das ist eine andere (schöne) Geschichte. «In Ruswil rauchen die Köpfe», titelte die «Luzerner Zeitung» im vergangenen Januar nach einer hitzigen Informationsveranstaltung über die dort geplante Asylbewerberunterkunft. Diese ist seit Mitte Feb­ruar offen. Zweifel und Ängste habe auch sie manchmal, räumt Silvia Buob ein. Und stellt heute aber fest: «Die damaligen Befürchtungen haben sich nach meiner Feststellung nicht bewahrheitet.»

Dominik Thali

Buchvernissage

Silvia Buob-Steffen, Tania Piscioli, «Der Blinzel-Engel. Eine Weihnachtsgeschichte, die verbindet». 52 Seiten, gebunden, Rex- Verlag, Luzern, ISBN 978-3-7252-1002-2, Fr. 22.80 | Buchvernissage am 9. November, 17 Uhr, Pädagogisches Medienzentrum, Sentimatt 1, Luzern, öffentlich

Dem Gewissen verpflichtet

Kann stehlen gerechtfertigt sein? Das fragen sich Eltern und Lehrpersonen, wenn sie das neue Adventsbuch «Der Blinzel-Engel» verschenken. Markus Arnold stellt im Blog des herausgebenden Rex-Verlags fest fest: «Ich bin vor meinem Gewissen verpflichtet, menschenfeindliche Gesetze zu übertreten – natürlich mit allen Konsequenzen, die das haben kann …». Markus Arnold ist Dozent für Theologische Ethik und Studienleiter am Religionspädagogischen Institut der Universität Luzern.

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