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Kardinal Braz de Aviz ruft Schweizer Ordensleute zu Taten auf

«In anderen Ländern explodiert das Ordensleben geradezu»: Kardinal Joao Braz de Aviz |  © 2018 Walter Ludin
«In anderen Ländern explodiert das Ordensleben geradezu»: Kardinal Joao Braz de Aviz | © 2018 Walter Ludin

«Mit euch»: Unter diesem Titel trafen sich rund 400 Ordensleute am 24. September in Baar zum gesamtschweizerischen Ordenstag, um über die Herausforderungen und Chancen der Orden zu sprechen. In seinem Referat rief der aus Brasilien stammende Kurienkardinal Joao Braz de Aviz die Ordensleute zu ständigen Reformen auf. 

Das letzte Treffen hatte vor drei Jahren ebenfalls in Baar stattgefunden. Peter von Sury, Abt des Benediktinerkloster Mariastein und Präsident der Vereinigung der Höhern Ordensobern der Schweiz (VOS`USM), schaute bei seiner Begrüssung freudig auf den bis auf den letzten Platz gefüllten Waldmanns-Saal. Der Zuger FDP-Ständerat Joachim Eder zeichnete in seinem Grusswort ein düsteres Szenario. Der Alltag in der Gesellschaft sei dominiert von Reizüberflutung, Anonymität und vom Streben nach Materiellem. Der moderne Mensch leide in einer immer unübersichtlicheren Welt an permanenter Überforderung. Deshalb spielen die Ordensgemeinschaften für Eder eine wichtige Rolle als gesellschaftliches Korrektiv. Eder rief die Ordensleute dazu auf, sich vermehrt dieser Kompass-Funktion bewusst zu werden.

Ungleiche Entwicklung

Kardinal Joao Braz de Aviz nahm Joachim Eders Faden auf und sprach von den grossen Herausforderungen, vor denen die Orden stünden. Der Präfekt der Kongregation für Institute des geweihten Lebens und für die Gesellschaften apostolischen Lebens sieht das Ordensleben in weiten Teilen Europas gefährdet. Er beschwor die Einheit und rief dazu auf: «Wir müssen zusammen unterwegs sein, die Vielfalt in der Einheit pflegen und uns nicht in gegenseitigen Abgrenzungskämpfen aufreiben.» Ein geschlossenes und solidarischeres Auftreten sei bitter nötig, denn in naher Zukunft werde aufgrund der Überalterung in den Klöstern das kontemplative Leben um fünfzig Prozent zurückgehen. Um sich nicht entmutigen zu lassen, lohne sich der Blick auf andere Länder, wo das Ordensleben derzeit geradezu explodiere. Joao Braz de Aviz erwähnte die Situation der Katholiken in Vietnam, das 250 Ordensgemeinschaften zähle. «Jährlich kommen dort 1000 Novizen hinzu. Das sollte uns Mut machen.»

Der Redner aus dem Vatikan hatte einen langen Forderungskatalog mitgebracht. Damit die Orden bestehen blieben, müssten sie sich bewegen, innerlich erneuern. Er rief die Ordensleute dazu auf, nicht nur die kirchlichen Traditionen zu kultivieren, sondern auch einen intensiven Dialog mit der Jugend von heute zu suchen und zu führen. Er erinnerte an das Zweite Vatikanische Konzil, als sich die Kirche als Volk Gottes zu verstehen begann. «Volk Gottes, das sind vor allem wir, die Ordensleute.» Mit einem Blick auf die Mitglieder von Ordensgemeinschaften in den Kirchen der Reformation im Saal rief Braz de Aviz dazu auf, künftig vermehrt ökumenische Treffen zu organisieren, «sonst werden wir eine geschlossenen Gruppe, die nur noch auf sich selber schaut». Der Kardinal mahnte zudem zu mehr Bescheidenheit und Demut bei der Ausführung der Ämter und im Umgang mit dem Nächsten.

Braz de Aviz erzählte von seinen Begegnungen mit Papst Franziskus. Eindrücklich sei ihm eine Schelte des Papstes in Erinnerung geblieben, als dieser das pompöse Auftreten der Kardinäle kritisierte und ihnen zurief, «sie sollen nicht so dicke Ringe tragen». Er selber trage nur ein schlichtes Holzkreuz um den Hals. «Jesus wurde auch an ein schlichtes Holzkreuz geschlagen.» Das «geistige Doppelleben», das er bei Kollegen beobachte, schwäche die Kirche von innen heraus. Umkehr sei angebracht. Das heisse: «Nahe bei den Menschen sein und Kirche nicht von oben, sondern von unten denken.» Was für Kardinal Joao Braz de Aviz jedoch unveränderlich bleiben muss, ist die Fixierung auf Jesus als Zentrum. Er erinnert an das Konzils-Dokument «Lumen Gentium», in dem stehe: «Christus ist das Licht der Völker».

«Wir sind auch in der Nähe von Pizzerien präsent»

Abschliessend geben Vertreter und Vertreterinnen verschiedener Ordensgemeinschaften Zeugnisse ab und erzählen aus ihrem Alltag. Auf die Bühne traten Vertreter von Gemeinschaften wie «La Famille St. Jean», deren Brüder als Seelsorger in Pfarreien, Schulen und Universitäten tätig sind. Einen interessanten Einblick lieferte Beatrice Panaro, eine Vertreterin der Scalabrini-Missionarinnen, deren Schweizer Sitz sich Solothurn befindet. Die Frauen dieses Säkularinstituts leben in verschiedenen Städten Europas in kleinen Gemeinschaften und internationalen Zentren. «Dort möchten wir gemeinsam mit jungen Leuten und Menschen verschiedener Nationalitäten, Kulturen und Religionen Begegnungsmöglichkeiten schaffen für eine Gemeinschaft in der Vielfalt», sagt Beatrice Panaro. Aktuell liege der Fokus auf der Arbeit mit Migranten.

Frère Johann Clerc stellte «La comunita Shalom» vor. Die Bewegung wurde 1986 anlässlich des Besuches von Papst Johannes Paul II. in Brasilien gegründet. Überall in Brasilien, berichtete der junge Theologiestudent, baue die Bewegung «Zentren den Evangelisierung» auf. «Wir sind auch in der Nähe von Pizzerien präsent, weil sich dort viele junge Leute tummeln und man mit ihnen ins Gespräch kommen kann.» Seit 2001 ist «La comunita Shalom» auch in der italienischen Schweiz aktiv.

kath.ch/Vera Rüttimann

Vielfältiges Ordensleben: Am schweizerischen Ordenstag vom 24. September 2018 in Baar. | © 2018 Walter Ludin