Zur Startseite Zur Navigation Zum Inhalt Zur Kontaktseite Zur Sitemapseite Zur Suche

Jules Rampini: die Erde unter den Fingernägeln spüren

Auf dem Biohof von Familie Rampini in Luthern: drei Generationen beim Kartoffeln setzen. | © 2017 zVg
Auf dem Biohof von Familie Rampini in Luthern: drei Generationen beim Kartoffeln setzen. | © 2017 zVg

Jules Rampini befasst sich mit Böden, im wahrsten Sinn des Wortes. Der Biobauer und Theologe aus Luthern bearbeitet das Erdreich mit seinen Händen. Aus der Bodenhaftung wächst für ihn die spirituelle Deutung der Erde. Ein Gespräch zum Fastenopfer-Thema Land und Ernährung.

Mit Ihrem Namen verbinde ich den Begriff «Mist- und Bodentheologie».
Jules Rampini: Es geht um die Beziehung zum Boden. Der Alltag auf dem Hof in Luthern ergibt furchige Hände, Erde unter den Fingernägeln. Ist das Dreck oder Segen? Bin ich mit Dreck gesegnet? Wir tendieren in der Bevölkerung dazu, alles noch sauberer zu halten. Parallel dazu geht das Wissen verloren, woher unsere Nahrung kommt, wieviel Schweiss dahinter steckt. Viele Nahrungsmittel können wir gar nicht berühren, so abgepackt sind sie. Wir spüren sie nicht.

Berühren ist also etwas Spirituelles?
Genau: Spüre ich die Heiligkeit der Erde? Es ist etwas anderes, wenn ich auf der Erde knie und sie mit Handgerät und Händen bearbeite oder ob ich auf einem schweren Traktor wie auf einem Thron über sie hinwegfahre. Wenn ich dem Boden nahe bin, komme ich in Dialog mit ihm.

Landgrabbing steht im Mittelpunkt der Fastenopfer-Kampagne. Gibt es auch Formen davon in der Schweiz?
Wir haben praktisch keine Formen direkten Landraubs. Unsere Schutzmassnahmen für bäuerliches Land, Raumplanung, Umzonungsregelungen funktionieren. Dennoch steht auch bei uns produktiver Boden unter grossem wirtschaftlichem Druck. Unser Problem ist nicht der Landraub, sondern das Versiegeln von ertragreicher Erde für Gebäude, Verkehrswege oder Einkaufsmöglichkeiten. Ich nenne das Formen von Vergewaltigung des Bodens.

Wenn mir Land gehört, wie tief unter die Erde reicht dieser Besitz?
In vielen Ländern Südamerikas gehört den Menschen nur die Oberfläche der Erdkruste bis 40 Zentimeter tief. Was darunter liegt, gehört dem Staat. Das gibt natürlich riesige Interessenskonflikte, wenn es um Bergbau und Bodenschätze geht. Bei uns kann ich es gar nicht genau sagen. Wenn im Napf Gold gefunden wurde, hingen Ansprüche des Staates auch davon ab, ob das Gold an der Oberfläche gefunden oder richtig ausgegraben wurde.

Bräuchte es mehr brachliegendes Land, um die Natur zu schonen?
In den Alpengebieten kommt die Natur teilweise zurück, aber richtig unberührte Urwaldböden gibt es nicht. Wir müssen auch sehen: Die einst hohe Biodiversität in unserem Land ist kulturell entstanden und muss von uns gepflegt werden, wenn wir sie erhalten wollen. Einfach die Natur sich selbst überlassen stellt für mich keine sinnvolle Alternative dar. Wir müssen die Böden bearbeiten und pflegen, einfach auf richtige Weise. Hier treffen sich Agrikultur und Bewahrung der Schöpfung. Und das ist kein Besitzauftrag. Wenn ich «meinen» Boden bearbeite, verstehe ich das als Pflegeauftrag für alle.

Jules Rampini.

Wie geht es unseren Böden?
Unsere Böden sind nicht gesund. Durch die intensive Nutzung ist ihr Zustand sehr kritisch. Die Böden verlieren Nährstoffe und Mineralstoffe, sie sind ausgelaugt. Auf vielen Flächen müssen Fremdmittel zugesetzt werden, um kurzfristig die Produktivität zu erhalten, aber die Fremdstoffe revitalisieren die Böden nicht. Pro Person verschwinden bei uns jedes Jahr vier Kubikmeter gesunder Boden. Auch die Biodiversitätsberichte fallen besorgniserregend aus. Was oft nach grünender Landschaft aussieht, sind in Wahrheit «grüne Wüsten».

Was muss getan werden?
Die Stärkung der Böden geht nur über ihre Selbstregeneration, sprich die Förderung der Organismen, die schon im Boden sind. Das heisst natürliche Düngung, Mist und organische Abfälle, Kompost. Der Mist ist wiederum nur dann gut, wenn die Tiere nicht vorher mit übermässigem Kraftfutter gemästet wurden. In allem braucht es das rechte Augenmass und Bescheidenheit. Am Schluss haben Böden einfach eine begrenzte Leistungskraft. Eine Bäuerin aus Guatemala erzählte mir, dass Völker dort mit sehr viel Langmut und Zurückhaltung dem Boden begegnen. Sogar sexuelle Enthaltsamkeit ist vorgesehen, aus Respekt vor dem Boden, bevor er bearbeitet wird. Biblisch begegnet uns hier der Adam, der Erdling, der «vom Boden genommene». Im Boden liegt in jeglicher Hinsicht unsere Lebensgrundlage.

Wie bewerten Sie Entwicklungen wie das «Urban Gardening»?
Die industrielle Landwirtschaft hat gezeigt, dass sie die Weltbevölkerung nicht ernähren kann. Ich begrüsse alle Schritte zu subsistenzorientierten Landwirtschaften, also die Nutzung des Bodens im kleinen Raum mit lokalen Wertschöpfungsketten. «Urban Gardening» passt hier sehr gut dazu. Auch wäre es sehr interessant, den Gedanken der Allmend wieder aufzuwerten mit Blick auf die Landwirtschaft. Lebensmittelanbau muss nicht die Sache einzelner Bauersfamilien sein, sondern könnte auch eine Chance von Kollektiven sein. Heute arbeiten noch drei Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft, 1950 waren es noch 60 Prozent. Warum nicht wieder stärker Nahrungsmittel dort produzieren, wo Menschen leben, gerade auch in den Städten? Bei der Allmend kommt der soziale Apekt noch hinzu: Das Anrecht derer, die kein Land haben und die Vorsorge für Notsituationen.

Wie beugen Sie dem geistigen Missbrauch von «heimatlicher Scholle» oder gar «Blut und Boden» vor?
Der Missbrauch fängt in den Köpfen an. Er beginnt, wo wir im Geist Grenzen ziehen und dann reale Besitzansprüche erheben. Rousseau schrieb: «Der erste, welcher ein Stück Landes umzäunte, sich in den Sinn kommen liess zu sagen, dies ist mein, und der einfältige Leute antraf, die es ihm glaubten, der war der wahre Stifter der bürgerlichen Gesellschaft» mit all ihrem Leid und Schrecken. Das Nomadensystem war in dem Sinn sicher gesünder. Ich als Bio-Landwirt entnehme dem die Haltung, dass ich «mein Land» so bewirtschafte, dass es einem kulturellen Pflegeauftrag für alle entspricht.

Interview: Andreas Wissmiller

Ökumenische Kampagne 2017

Ohne Rücksicht auf die Bevölkerung wird in Indonesien in den Anbau von Ölpalmen investiert – auch mit Hilfe von Schweizer Banken. Als Folge von Monokulturen über Quadratkilometer fehlt das Land fürs Leben. Mit der Ökumenischen Kampagne 2017 fordern Brot für alle, Fastenopfer und Partner sein die Banken auf, solche Geschäfte aufzugeben und ihre Verantwortung wahrzunehmen.