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Integration: Wie aus Fremden Nachbarn werden

Grüezi! Sala Nasir aus Eritrea, der 2015 nach Aesch kam, bedient im Badikiosk Aesch zwei Gäste. Edith Brunner von der Integrationsgruppe Aesch führt diesen Treffpunkt hauptberuflich. | © 2019 Pirmin Lenherr
Grüezi! Sala Nasir aus Eritrea, der 2015 nach Aesch kam, bedient im Badikiosk Aesch zwei Gäste. Edith Brunner von der Integrationsgruppe Aesch führt diesen Treffpunkt hauptberuflich. | © 2019 Pirmin Lenherr

Menschen, die auf überfüllten Booten übers Meer nach Europa gelangen: Sie sind irgendwer. Im Dorf aber erhalten sie einen Namen. Zum Beispiel in Aesch, wo neun Männer aus Eritrea leben und das Geben und Nehmen beide Seiten weiterbringt.

«Wenn man will, ist Integration gar nicht so schwierig», sagt Edith Brunner (43). Will heissen: Sie fängt im Kopf an. Und braucht Menschen, die mit Herz handeln.

Die Integrationsgruppe, die Brunner 2015 in Aesch gegründet hat, trägt viel dazu bei, dass die Haltung Asylsuchenden und Flüchtlingen gegenüber in ihrer Gemeinde offen geworden ist. Als im vergangenen Jahr vier Männer aus Eritrea und dem Sudan ausreisen mussten, obwohl sie sich über ihre Arbeit und das Mittun in der Freizeit schon gut eingelebt hatten, konnten das viele in Aesch nicht verstehen.

Kein «Asylbonus»

Von den neun jungen Männern aus Eritrea, die derzeit in dem Dorf am Hallwilersee leben, haben sechs eine Arbeit oder stecken in einem Praktikum. Zum Beispiel Andamikael Kifle (32), der es als Mitarbeiter des Bauunternehmens Budmiger Bau GmbH geschafft hat, sich von der Sozialhilfe zu lösen. Brunner und die Sozialvorsteherin der Gemeinde hatten einen Probeeinsatz vermittelt, Christian Budmiger gewann sein Führungspersonal für die Idee, und inzwischen ist Kifle ein fester Wert im Team. Einen «Asylbonus» habe dieser freilich nicht, sagt Budmiger. «Selbstverständlich sind meine Erwartungen als Arbeitgeber zu erfüllen.» Er wolle aber Menschen wie Andamikael Kifle die Möglichkeit geben, mit Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen. «Wer dank einer Arbeit auch Steuern bezahlt und sich in der Freizeit am öffentlichen Leben beteiligen kann, erlebt so eine akzeptierte Integration.» Ohnehin, betont Budmiger, sei der Markt für Hilfsarbeiter auf dem Bau eher ausgetrocknet.

Fthawis gute Laune

Gute Erfahrungen macht auch Stephan Weibel von der gleichnamigen Schreinerei in Schongau. Hier steckt der 25-jährige Fthawi Abraham in einer Anlehre als Schreinerpraktiker. Er kam 2014 nach Aesch und hat mittlerweile im Nachbardorf Altwis eine eigene Wohnung gefunden. Die grösste Schwierigkeit sei die Sprache, sagen Weibel wie Budmiger, zumal sich in einem Gewerbebetrieb die Mitarbeitenden auch aus Sicherheitsgründen verstehen müssten. Die Liste der «schönsten Erfolgserlebnisse» ist für Weibel indes länger: «Das ist vor allem die Motivation, die Freude an der Arbeit, die Pünktlichkeit von Fthawi, und er ist stets gut aufgelegt.» In der Gewerbeschule sei sein Lehrling «sehr fleissig», lerne viel und habe gute Noten.

Von anderen Unternehmen haben bis jetzt weder Christian Budmiger noch Stephan Weibel kritische Bemerkungen vernommen. «Im Gegenteil», sagt Weibel, «es gibt solche, die fragen uns nach den Erfahrungen und überlegen sich, ebenfalls einen Asylsuchenden oder Flüchtling einzustellen.»

«Ihre Leistung ist riesig»

Edith Brunner erstaunen die guten Erfahrungen der beiden Unternehmer mitnichten: «Asylsuchende wollen sich beweisen. Und bemühen sich, keine Fehler machen. Wenn man bedenkt, was sie alles lernen müssen, bis sie in unserer Gesellschaft mithalten können, vom Papiersammeln bis zur Sonntagsruhe, ist ihre Leistung riesig.» Brunner weiss, wovon sie spricht. Die gelernte hauswirtschaftliche Betriebsleiterin sammelte Erfahrungen bei der Caritas als Leiterin zweier Asylzentren.

Der Schritt von dort in die eigene Wohnung sei nochmals sehr gross, in ein kleines Dorf wie Aesch erst recht. «Hier wird man als Person wahrgenommen und gehört nicht einfach zur grossen Masse der Ausländer.» Stimmt, sagt Filmon Andemeskel (25). Als er im Dezember 2014 von Luzern nach Aesch kam, für ihn ins Niemandsland, bezweifelte er erst, hier eine Arbeit zu finden. Inzwischen hat Andemeskel Aussicht auf eine Lehrstelle als Maler bei einem örtlichen Betrieb, man trifft ihn und seine Kollegen beim Palmen binden für die Pfarrei oder bei einem Naturschutz-Einsatz ebenso wie jeden Freitagabend beim Volleyball.

Volleyballgruppe gegründet

Weil es mit dem Turnen sonstwo nicht klappte, gründete die Integrationsgruppe kurzentschlossen eine Volleyballgruppe mit den Asylsuchenden aus Aesch, Altwis und Ermensee, in der mittlerweile auch viele Schweizerinnen und Schweizer mittun. «Voll cool, die Turnhalle ist bald zu klein.» Die Angst vor den Fremden weiche sich auf, stellt Brunner fest. Freilich weiss sie inzwischen auch gut, wen sie wofür fragen kann: «Man muss echli gschpüre, wer etwas gut findet und wer nicht.» Dafür ist Aesch klein genug, man kennt sich im Dorf. «Am Anfang schauten uns die Leute an. Zum Beispiel im Dorfladen», erinnert sich Filmon Andemeskel. Aber das habe sich gelegt. Man versteht und trifft sich inzwischen.

Als gemischtes Team erfolgreich: die Volleyballgruppe Aesch mit Männern aus Eritrea, Schweizerinnen und Schweizern. | © 2019 Damian Lenherr

«Mama Edith» wider Willen

Zum Beispiel am Badikiosk am See, dem Dorftreffpunkt im Sommer. Der Kiosk ist Edith Brunners Hauptbeschäftigung; als Pächterin der Gemeinde ist sie hier selbst Arbeitgeberin von einem Dutzend Frauen und Männern. Auch einige Asylsuchende aus Eritrea haben hier schon Arbeitserfahrungen gesammelt. Praktische Integration, wie Brunner mit Begeisterung erzählt: «Die Männer lernen unsere Arbeitsgewohnheiten kennen, sie müssen den ganzen Tag Deutsch sprechen, und im besten Fall wird ein Unternehmer oder Teamleiter auf sie aufmerksam, der auf einen Kaffee vorbeikommt.» Der Badikiosk sei ab und zu auch Vermittlungsstelle.

Auch bei Fragen und Problemen mancherlei Art. Edith Brunner mag es eigentlich nicht, wenn die Männer aus Eritrea sie ihrer unkomplizierten Hilfsbereitschaft wegen fortwährend «Mama Edith» nennen, sie weiss aber diese Bezeichnung als in Afrika gebräuchliche Ehrerbietung zu schätzen. Abgrenzung sei aber wichtig: «Es ist nicht immer das Richtige, diesen Menschen alles abzunehmen.»

Hilfe zur Selbsthilfe, die offensichtlich Früchte trägt: Er sei sehr dankbar für die Unterstützung, sagt Fthawi Abraham: «Ich habe dabei auch gelernt, wie ich selbst anderen helfen kann.»

Dominik Thali

Arbeitserfahrung sammeln: Sala Nasir mit Edith Brunner, Leiterin des Badikiosks in Aesch. | © 2019 Pirmin Lenherr

«Aktionswoche Asyl» vom 15. bis 23. Juni

Die Luzerner Bevölkerung anregen, sich vertieft, sachlich und respektvoll mit den Themen Flucht und Asyl auseinandersetzen: Das will die Aktionswoche Asyl, die jedes Jahr um den Weltflüchtlingstag vom 20. Juni gelegt wird. Die Aktionswoche findet dieses Jahr vom 15. bis 23. Juni statt. Während einer Woche erfahren dabei Interessierte an kulturellen, sportlichen, kulinarischen und informativen Anlässen mehr über das Thema Asyl sowie über Herkunft, Kultur und Alltag von Menschen mit Asyl- und Flüchtlingshintergrund.

Das Patronat über die Aktionswoche Asyl hat der «Runde Tisch Asyl» des Kantons Luzern, der Verwaltung, Kirchen und gemeinnützige Organisationen vernetzt. Am «Runden Tisch Asyl» sitzen auch die drei Landeskirchen und die Caritas Luzern.

«Engagement mit Herzblut»

Integrationsgruppen wie in Aesch gibt es in vielen Gemeinden. Sie sind unterschiedlich organisiert. Manche arbeiten unabhängig, andere im Auftrag der Behörden und/oder in Verbindung zur Kirche. Caritas Luzern, Partnerin der katholischen Landeskirche im Bereich Migration und Integration, bietet Freiwilligen, die sich für Asylsuchende und Flüchtlinge einsetzen, Austauschtreffen und Weiterbildungen an. Aktuell zum Beispiel im Rahmen der Aktionswoche Asyl die Veranstaltung «Das neue Asylverfahren kurz erklärt». «In meinem Alltag begegnen mir an vielen Orten Menschen, die sich mit Herzblut engagieren», sagt Stefanie Hodel von Caritas Luzern «Ihnen allen danken wir  für ihr wertvolles Engagement herzlich.»