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Integration konkret: am Tisch mit Wafaa und Belal

Dank der Kinder in der gleichen Klasse lernten sie sich kennen: Belal (rechts) und Wafaa Selou (Mitte) im Gespräch mit Christina Rölli. | © 2016 Andreas Wissmiller
Dank der Kinder in der gleichen Klasse lernten sie sich kennen: Belal (rechts) und Wafaa Selou (Mitte) im Gespräch mit Christina Rölli. | © 2016 Andreas Wissmiller

Integration braucht den Willen und die Beweglichkeit aller Beteiligten. Und das sind konkrete Menschen. Christina Rölli, Belal und Wafaa Selou, Hans Staubli, Anas Mohammed und Ali Najiib von der Arbeitsgruppe Flüchtlinge aus Sursee berichten, was gelingt und was schwierig ist.

Ein Café in Sursee, bunte Farben lachen von den Wänden. Christina Rölli von der örtlichen Arbeitsgruppe Flüchtlinge kommt herein. Sie begleitet ein kurdisches Ehepaar aus Syrien, Belal und Wafaa Selou, die Eltern von Lageen, Shareef und Algi im Alter von drei bis neun Jahren.

Schlüsselerlebnis in Wien
Die Pflegefachfrau erzählt, wie ein Schlüsselerlebnis dazu führte, sich bei der Integration von Flüchtlingen zu engagieren: «2015 sahen wir in Wien den Bahnhof voll mit Flüchtlingen. Da wurde uns klar: Wir müssen etwas tun, am besten ist es, wenn wir als Familie eine andere Familie begleiten.» Mit den Selous ergab sich ein schöner Kontakt, von dem beide profitieren. Belal Selou beschreibt, wie die Kinder an freien Nachmittagen zusammen spielen, die Männer zusammen Fussball schauen und die Frauen gemeinsam Kaffee trinken. Die Verständigung gelingt in einer Mischung aus Deutsch, Englisch, Arabisch und Kurdisch.

Gesellschaftliche Teilhabe ist wichtig
Alle zusammen unternehmen Ausflüge auf den Pilatus oder besuchen ein Konzert. Christina Rölli betont, wie wichtig gesellschaftliche Teilhabe ist. Von Wafaa und Belal Selou weiss sie, dass diese in Damaskus gelebt haben, kulturell interessiert und aufgeschlossen. Sie arbeitete als Coiffeuse, er als Lehrer. Die Sicherheit, welche die Schweiz biete, sei das eine, aber wirkliche Integration etwas anderes. Schliesslich gehe es darum, sich hier bewegen zu können wie ganz normale Menschen, teilzunehmen am öffentlichen Leben, an der Kultur, und selber etwas beitragen zu können.
Hans Staubli unterstreicht den Punkt. Er ist mit Anas Mohammed und Ali Najiib, zwei jungen Männern aus Somalia, ins Café gekommen. Integra­tion verlaufe erfolgreich, wenn die jungen Männer hier ganz natürlich unterwegs sein könnten, Kontakte fänden und Konflikte ausblieben.

Am Luzerner Marathon teilgenommen
Um solche Alltagskontakte bemüht sich der pensionierte Hans Staubli, der früher selbst für Caritas Schweiz in Somalia gearbeitet hat, für fünf junge Somalis. Er klopfte beim FC Sursee an, um gemischte Fussballteams einzuführen, er öffnete die Möglichkeit für Lauftreffs. Ali Najiib nickt und erzählt mit Freude, dass er dieses Jahr am Luzerner Stadtlauf über 5000 Meter teilgenommen habe. «Hans hat mir auch die Möglichkeit verschafft, am Marathon teilzunehmen, und die Tür geöffnet beim Alpenclub.»

Frustrierende Erfahrungen
Gemeinsam fügen Ali und Anas in vorsichtigem Deutsch hinzu, wie wichtig für sie Sprachkurse seien. Sie wüssten, dass einige Landsleute gar nicht gut Deutsch sprechen. Das liege aber nicht nur daran, dass sich einige wenig Mühe geben. Hans Staubli bestätigt: Es mache einen grossen Un­terschied, ob ein junger Mann wegen seines Status oder Alters nur zweimal in der Woche einen Sprachkurs besuchen kann oder fünfmal. Der Pensionär bezieht klar Position: «Wir in der Arbeitsgruppe Flüchtlinge begleiten und beraten. Die soziale Verantwortung liegt beim Kanton.» Hier habe er auch schon manche frustrierende Erfahrung gemacht: Die Arbeitsgruppe habe mit der Stadt Sursee einen Stundenlohn von drei Franken für Arbeitseinsätze von Flüchtlingen aus­gemacht, dann habe der Kanton den Lohn auf eine Obergrenze von zehn Franken pro Tag gedeckelt. Dabei wüssten alle, wie sehr Flüchtlinge zu Selbständigkeit gelangen und selber etwas verdienen wollten.

Zweifel am Integrationswillen des Staats
Solche Erfahrungen lassen Christina Rölli mitunter zweifeln, ob Integra­tion von staatlicher Seite wirklich gewollt sei. Der Flüchtlingsstatus F, so die Surseerin, bilde ein grosses Hindernis. Er gewähre nur begrenzten Zugang zu Sprachkursen. Wohnungs- und Arbeitssuche, alle Bewegungsmöglichkeiten fielen mit diesem Status schwerer. Wenn sich dann die Verfahren hinzögen, seien schnell zwei, drei Jahre verloren, in welchen eine Familie wie die Selous schon viel weiter hätte vorankommen können – was ja auch der Schweiz helfe. Der Nutzen sei überhaupt beidseitig. Ihre Familie, meint Christina Rölli, empfinde sich keineswegs nur als Ge­bende. Sie erfahre viel Unterstützung durch Familie Selou. Auch die Arbeitswelt könnte die Fähigkeiten von Flüchtlingen viel mehr und auf die Personen zugeschnittener abrufen. Es mache doch Sinn, wenn der Lehrer Belal Selou etwa in einer Integra­tionsklasse arbeite und nicht in der Imbissbude.

Sich selbst reflektieren
Schubladisiertes Denken möchte auch Hans Staubli überwinden. Dazu gehörten auch die eigenen Vorurteile. Auch er als Flüchtlingsbegleiter müsse sich immer wieder reflektieren. Es gelte, die Menschen, die kommen, grundsätzlich gern zu haben, nachzufragen und ihnen zuzuhören. Eine Begleitperson dürfe ihre Arbeit aber nicht zu lange machen, erklärt Hans Staubli, «es soll sich kein Helfersyndrom verfestigen».

Andreas Wissmiller

Arbeitsgruppe Flüchtlinge

Die Arbeitsgruppe Flüchtlinge der Kirchen von Sursee begleitet seit über 30 Jahren Menschen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind und jetzt in Sursee wohnen. Ihre derzeit 38 Mitglieder nehmen mit den neu hier angekommenen Fami­lien und Einzelpersonen Kontakt auf, heissen sie willkommen und stehen ihnen bei auftauchenden Fragen und Anfangsschwierigkeiten unterstützend zur Seite.