Zur Startseite Zur Navigation Zum Inhalt Zur Kontaktseite Zur Sitemapseite Zur Suche

Die neuen Präsidien von Synode und Synodalrat: Dialog als grösste Herausforderung

Sie führen die Landeskirche 2016 und 2017:  Synodalratspräsidentin Renata Asal-Steiger und Synodepräsident Hans-Christoph Heim. | © 2015 Dominik Thali
Sie führen die Landeskirche 2016 und 2017: Synodalratspräsidentin Renata Asal-Steiger und Synodepräsident Hans-Christoph Heim. | © 2015 Dominik Thali

Zum Beispiel die Personalnot: Die Kirche könne ihre Herausforderungen nur im Miteinander zwischen den pastoral und den staatskirchenrechtlich Verantwortlichen meistern, sagen Renata Asal-Steger, neue Präsidentin des Synodalrats,  und Hans-Christoph Heim, neuer Präsident der Synode. Diesen Dialog sehen sie selbst schon als Herausforderung.

Frau Asal, Sie sagten nach Ihrer Wahl am 28. Oktober 2015 in der Synode, die Kirche stehe vor grossen Herausforderungen. Welchen?
Renata Asal-Steger: Eine grosse Herausforderung und auch Sorge ist der stetig anwachsende Mangel an kirchlichem Personal. Es gibt immer weniger Seelsorgende. Gleichzeitig sinkt auch die Zahl jener Menschen, die sich mit der Kirche verbunden fühlen. Eine weitere aktuelle Herausforderung ist zudem die Errichtung der Pastoralräume. Ein zwar pastorales Projekt, das aufgrund der dualen Struktur auch die Kirchgemeinden stark fordert .
Hans-Christoph Heim: Schon das duale System an sich ist eine Herausforderung, weil es den Konsens bedingt, einvernehmliche Zusammenarbeit. Auf unserer, der staatskirchenrechtlichen Seite, sind die Kompetenzen klar. Aber an den Schnittstellen kann es Probleme geben.

Sie sagten auch: «Wir können als Kirche etwas bewegen und können auch die Kirche bewegen.» In welcher Hinsicht?
Asal-Steger:
Ich denke an die Aufarbeitung der Missbräuche in kirchlichen Erziehungsanstalten, die Errichtung der Kontakt- und Beratungsstelle Sans-Papiers Luzern oder das beeindruckende Engagement in den Pfarreien und Kirchgemeinden für Asylsuchende und Flüchtlinge. Hier sind wir als Kirche gefragt. Solidarisch sein und für die Menschenwürde einstehen: das ist eine zentrale Konsequenz der christlichen Botschaft…

…der unbestritten ist, solange sie sich politisch zurückhält.
Asal-Stege
r: Es gibt unterschiedliche Ansichten dazu, ob, und wenn ja, inwiefern, sich die Kirche politisch äussern soll.
Heim: Schon, aber die Kirche muss für die Grundwerte unserer Gesellschaft einstehen und diese auch in der Politik verteidigen.
Asal-Steger: Darauf basiert das Zusammenleben in unserer Gesellschaft.

«…und können auch die Kirche bewegen», lautete der zweite Satzteil. Wirklich?
Asal-Steger:
Dafür braucht es oft einen langen «Schnuuf». Das gebe ich gerne zu. Dass zum Beispiel heute auch Frauen eine Pfarrei leiten können, ist, wenn auch eine noch recht junge Errungenschaft. Oder mit Blick auf die Familiensynode in Rom, die Ende Oktober zu Ende ging: Sie hat den Blick auf die Familien und die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten verändert. Dezentrale Lösungen sollen künftig möglich sein. Das sind für mich Hoffnungszeichen. Wir müssen an den Fragen der Zeit dranbleiben. Resignation ist nicht das, was Christinnen und Christen ausmacht.
Heim: Wir haben auf der pastoralen Seite schon viele Ängste abgebaut, indem wir klar gemacht haben, dass wir dasselbe wollen, für die gleiche Kirche arbeiten. Ich bin deshalb von Deiner Aussage überzeugt. Aber natürlich geht vieles furchtbar langsam.
Asal-Steger: Was oft zu Enttäuschung führt…

151203_interview_heim_asal_02

Sind Sie geduldig?
Heim:
Ich glaube fest daran, dass es erstens sinnvoll ist, Konflikte unter möglichst wenig Augen und diskret auszutragen. Und zweitens, dass es für alles eine Lösung gibt. Nur: Die Kirche ist 2000 Jahre alt und da pressiert es mitunter nicht so. Trotzdem müssen wir immer wieder unsere Nöte so präsentieren, wie wir sie wahrnehmen. Wir dürfen Lösungsvorschläge aufzeigen, wissen aber, dass wir nichts fordern können.

Wir stehen allerdings vor Problemen, die nicht weitere 2000 Jahre Aufschub dulden. Zum Beispiel die Personalnot.
Heim
: Ja. Dabei gäbe es Möglichkeiten, wenigstens Erleichterungen zu schaffen – wenn man die Strukturen hinterfragte. Das Beispiel zeigt, dass es durchaus schmerzen kann, geduldig sein zu müssen.
Asal-Steger: Ich teile diese Meinung. Bei allem Schmerz ist es jedoch wichtig, miteinander im Gespräch zu bleiben und den Blick zu weiten. Wie bereits gesagt, ist die Sorge um die Personalnot gross sowohl bei jenen, die in der Kirche tätig sind wie auch bei jenen, die mit ihr verbunden sind. Als wichtig erachte ich bei aller Sorge aber auch, dass die Qualität einer kirchlichen Ausbildung weiterhin einen hohen Stellenwert hat.
Heim: Auf jeden Fall. Seelsorgende aus anderen Ländern, denen unser Verständnis von Pfarreileben fremd ist, nützen uns nichts.

Manche Pfarreien entscheiden sich lieber für einen Seelsorger aus einem anderen Land, als keinen Priester mehr zu haben.
Heim:
Das kann funktionieren. Es ist eine Frage der Erwartungen. Vielen Kirchgängern gerade auf der Landschaft ist die Herkunft des Priesters egal, sie wollen einfach am Wochenende eine Eucharistiefeier besuchen können. Aber dies ist nicht mehr die Mehrheit, und es sind nicht die Leute, die sich engagieren.
Asal-Steger: Gottesdienste feiern ist eine wichtige Aufgabe, aber nicht die einzige. Zentral sind auch die Seelsorge und die Diakonie. In diesen Bereichen kann es schwierig werden, wenn jemand mit unserer Sprache und unseren Gegebenheiten nicht vertraut ist.

Ist das das duale System in unserer Zeit, in der die Mittel knapper geworden sind – Geld wie Personal – zu einer grösseren Herausforderung geworden?
Heim:
Auf jeden Fall.
Asal-Steger: Die Verantwortlichen sind stärker herausgefordert in Bezug auf die Frage, welche pastoralen Prioritäten zu setzen und zu finanzieren sind.
Heim: Wenn eine Kirchgemeinde jemanden anstellen will und aber nicht darf, weil diese Person nicht vor Ort wohnt – das ist etwas, was man früher nicht gekannt hat. Es gab einfach genug Leute. Als Kirchgemeindepräsident hätte ich es Ende der neunziger Jahre selbst nicht akzeptiert, dass unser Gemeindeleiter nicht auch in unserer Pfarrei wohnt. Wenn ich aber heute die Wahl habe zwischen keinem Seelsorger und einem, der erst eine halbe Stunde Auto fahren muss zu uns, nehme ich natürlich diesen.

Synodalratspräsidentin, Synodepräsident: Das sind Ämter, die viele Leute nicht kennen. Müssen Sie sich oft erklären?
Asal-Steger:
Ja. Es wissen nur wenige, was für Funktionen dies sind und welche Aufgaben dazu gehören. Das gilt auch für die dualen Strukturen. Ich mache jeweils den Vergleich mit der Politik: mit dem Regierungs- und dem Kantonsrat.
Heim: Spannend ist: Wenn man selber drinsteckt, wird man mehr gefragt und kann erklären. Weil sie mich kennen, interessieren sich manche Leute unversehens auch für mein Amt.
Asal-Steger: Auch ich mache immer wieder die Erfahrung, dass im persönlichen Gespräch die Kirche schnell und oft ein Thema ist.
Heim: Ja. Und wir haben zwei Möglichkeiten, uns zu verhalten: rausgehen und sich beinahe dafür schämen, dass man sich in der Kirche engagiert. Oder überzeugt sagen: Ich bin da dabei.

Was motiviert Sie, sich in der Kirche zu engagieren?
Heim:
Ich habe die Kirche immer als positiv erlebt. Ich besuchte in Einsiedeln die Stiftsschule, schon mein Vater war Kirchgemeindepräsident, bei uns zuhause gingen stets Priester ein und aus. Meine eigenen 20 Jahre als Kirchgemeindepräsident waren durchwegs eine gute Erfahrung. Eine positive Verstärkung meines Lebens sozusagen. Für mich ist die Tätigkeit in der Kirche eine Freude. Ich lerne ungeheuer viel.

Zum Beispiel?
Heim:
Meine Wahrnehmung wird geschärft. Die vielen und ganz unterschiedlichen Meinungen zum Beispiel. Viele soziale Belange, um die ich nur am Rande gewusst hatte. Sans Papiers etwa sind bei uns auf dem Land kaum ein Thema. Dank der Auseinandersetzung damit in der Kirche sehe ich heute die Menschen hinter dieser Bezeichnung.
Asal-Steger: Ich bin «normal» katholisch sozialisiert, um es etwas salopp zu sagen. In meiner Familie und in Ettiswil war die katholische Kirche etwas Selbstverständliches. Mich motiviert, dass die Kirche nahe bei den Menschen ist. Auch als Heilpädagogin und Juristin war es mir stets wichtig, einen Beruf gewählt zu haben, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Dass ich immer stärker in kirchlichen Aufgaben engagiert bin, liegt daran, dass ich durch mein langjähriges ehrenamtliches Engagement gemerkt habe, dass ich die Kirche mitgestalten kann.

Wo kam dies bis jetzt zum Ausdruck?
Asal-Steger:
Im Synodalrat zum Beispiel bei Projekten wie der Palliativ-Seelsorge oder «Diakonie in ländlichen Pastoralräumen». Oder dann bei «Hinter Mauern», der Aufarbeitung der Missbräuche in den kirchlich geführten Erziehungsanstalten.

151203_interview_heim_asal_02

Haben Sie sich Ziele für Ihre Amtszeit gesetzt?
Heim:
Als Synodepräsident muss ich keine Legislaturziele haben. Für mich ist wichtig, dass wir menschlich anständig gemeinsam unterwegs sind. Meine Rolle ist, bei Problemen vermitteln zu können. Aber es gibt nichts, das ich inhaltlich bewegen muss. Es ist nicht meine Aufgabe, Dinge anzustossen.
Asal-Steger: Da sind einerseits die vom Synodalrat beschlossenen Legislaturziele. Andererseits ist mir persönlich das Thema « Zusammenarbeit» ein besonderes Anliegen. Ich bin überzeugt: Um in der Kirche die Herausforderungen unserer Zeit anzugehen, braucht es den Dialog und das «Miteinander-unterwegs-sein» zwischen den pastoralen und den staatskirchenrechtlichen Gremien. Am Herzen liegt mir zudem die ökumenische Zusammenarbeit. Nicht zuletzt werde ich auch den Kontakt und den Austausch mit den politisch Verantwortlichen pflegen.

Sie repräsentieren die katholische Kirche auch nach aussen und werden oft die Gelegenheit haben, diese gegenüber Leuten zu vertreten, die nur mehr eine lose Bindung dazu haben.
Heim:
Wir müssen dabei immer wieder darauf hinweisen, was die Kirche leistet. Und zwar nicht nur für unsere Mitglieder, sondern für alle Menschen. Diese Botschaft finde ich wichtig, dafür will ich Verständnis wecken.
Asal-Steger: Dies ist wichtig. Auch das freiwillige Engagement darf nicht vergessen werden. Was ehrenamtlich geleistet wird ist nicht nur unglaublich, sondern schlichtweg unbezahlbar.

Darf man dabei auch anecken?
Heim:
Ja, es gibt Grundhaltungen, die wir nicht preisgeben dürfen. Allerdings gelten auch hier die Regeln des dualen Systems. Die pastorale Meinung verkündet nicht die Landeskirche, sondern die Kirche, also zum Beispiel der Bischof. Dieser darf sich aber durchaus in politische Belange einmischen.
Asal-Steger: In wesentlichen gesellschaftlichen Fragen sollte die Kirche vermehrt Stellung beziehen.

Ärgern Sie sich mitunter über die Kirche?
Heim:
Natürlich. Weil ich mich in der Kirche engagiere, nehme ich mir auch das Recht auf eine eigene Meinung heraus. Wenn diese dann abgeschnitten, beispielsweise von de pastoralen Seite, dann ärgert einen das. Oder: Es ist zum Beispiel ärgerlich, wenn ich in meiner Funktion konfrontiert werde mit Aussagen von Bischof Huonder und man mir vorhält, wie die Kirche bloss so menschenfeindlich und unfreundlich sein könne. Man wird unter Umständen für etwas belangt, was man weder unterstützt noch woran man glaubt. Als Kirchgemeindepräsident haben mich auch stets die Kirchenaustritte wegen Aussagen des Papstes beschäftigt.
Asal-Steger: Klar, ich ärgere mich auch und spüre ein Unverständnis gegenüber gewissen Aussagen und Standpunkten. In solchen Situationen fällt es nicht immer leicht, hinzustehen und zu sagen: ich engagiere mich für die Kirche und in der Kirche. Doch wer setzt sich für die Würde und das Wohlergehen des Menschen ein, wenn nicht die Kirche mit ihrer Botschaft? Für eine solche Kirche engagiere ich mich und mache mich stark.

Interview: Dominik Thali

 

Aus dem «Luzerner Kirchenschiff» vom Dezember 2015. Zur ganzen Ausgabe und früheren Nummern: hier…


Die neuen Präsidien

Die neue Synodalratspräsidentin Renata Asal-Steger, 55, ist in Ettiswil aufgewachsen. Die Heilpädagogin und Juristin ist verheiratet mit Rolf Asal, Mutter von zwei Söhnen (18 und 15) und lebt in Luzern. Sie ist seit 2010 Mitglied des Synodalrats.

Der neue Synodepräsident Hans-Christoph Heim-Michel, 57,  ist in Büron aufgewachsen, wo er seit 1992 eine Hausarztpraxis führt. Heim war Gemeinderat und 20 Jahre lang Kirchgemeindepräsident, seit 2009 ist er Mitglied der Synode. Er ist verheiratet mit Klara Heim-Michel und hat einen Sohn (24).