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Der Prior der ökumenischen Gemeinschaft von Taizé zum Reformationsjahr: vom Mut, unter ein Dach zu ziehen

Die Kirchen im Gedenkjahr der Reformation: Wie lange noch getrennt? | © 2016 Andreas Wissmiller / entstanden am ökumenischen Stand des Katholikentags 2016 in Leipzig
Die Kirchen im Gedenkjahr der Reformation: Wie lange noch getrennt? | © 2016 Andreas Wissmiller / entstanden am ökumenischen Stand des Katholikentags 2016 in Leipzig

Zum 500-jährigen Gedenken der Reformation stehen die Christen mehr denn je vor der Frage: Besteht die Bereitschaft, den Weg trotz konfessioneller Unterschiede gemeinsam fortzusetzen, ja unter einem Dach zu leben? Und worin besteht die Einheit in der Verschiedenheit? Ein Meinungsbeitrag von Frère Alois, Prior der Communauté von Taizé.

Die ökumenische Bewegung entstand im letzten Jahrhundert aus dem Bemühen, in den Missionsländern eine konfessionelle Rivalität zu vermeiden. Heute stellt sich uns die Frage noch unmittelbarer: Sind wir Christen der verschiedenen Konfessionen bereit, unseren Weg trotz unserer Unterschiede gemeinsam fortzusetzen? Nur so können wir in der Welt von heute «Sauerteig des Friedens» sein. Ja, nur wenn wir unsere Verschiedenheit annehmen, können wir zeigen, dass Einheit möglich ist; nur so können wir der Menschheit helfen, zu einer einzigen Familie zusammenzuwachsen. Diese Frage sollten wir uns besonders im Hinblick auf den bevorstehenden 500. Jahrestag der Reformation stellen.

Manchmal wird so getan, als ob die Existenz verschiedener Kirchen von Vorteil wäre, weil dadurch eine größere Zahl von Menschen erreicht würde. Die vielen alten und neu entstehenden Gemeinden geben sicherlich eine Antwort auf das Bedürfnis von Menschen, die Christus aufrichtig lieben. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Christus uns in einen einzigen Leib, in einen neuen Bund mit Gott zusammengeführt hat. Unsere innere Distanz zu den anderen ist also durch nichts mehr zu rechtfertigen.

Zwischen den Konfessionen geht man heute zwar höflich miteinander um und die offiziellen Gespräche zeigen Fortschritte. Aber man grenzt sich immer noch voneinander ab, man rechtfertigt das Trennende mit theologischen Spitzfindigkeiten und scheut manchmal nicht einmal davor zurück, sich gegenseitig zu verurteilen. Gleichzeitig suchen viele junge Menschen heute – und das erfahren wir in Taizé tagtäglich – einen Halt und einen Sinn für ihr Leben. Vor allem ihnen dürfen wir nicht länger die Widersprüchlichkeit unserer Trennungen zumuten.

So stehen wir Christen vor folgender Herausforderung: Eine Gemeinschaft all derer, die Christus lieben, kann nur entstehen, wenn wir anerkennen, dass der Glaube nicht nur auf eine bestimmte, sondern auf vielfältige Weise gelebt und zum Ausdruck gebracht wird. Doch die Gemeinschaft der Christen kann den Menschen nur dann Orientierung bieten, wenn die Einheit zwischen diesen vielfältigen Ausdrucksformen sichtbar wird. Deshalb ist es wichtig uns klarzumachen, wovon wir eigentlich ausgehen, um zu dieser «versöhnten Verschiedenheit» zu gelangen.

Lange Zeit hat man immer wieder damit begonnen, das uns Trennende zu analysieren. Das mag zunächst hilfreich sein, aber letztlich bringt es uns nicht weiter. Wir müssen von Christus ausgehen, von ihm, der ungeteilt ist! Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal: «Bruder ist einer dem anderen allein durch Jesus Christus (…) durch Christus haben wir einander auch wirklich, haben wir uns ganz für alle Ewigkeit.»

Christus, der Auferstandene, führt Menschen aller Stände und Schichten, aller Sprachen und Kulturen und selbst verfeindeter Völker in eine einzige Gemeinschaft zusammen. Deshalb sind auch wir Christen aufgefordert, nach sichtbarer Gemeinschaft zu suchen.

Kirchen unter einem Dach

Müssten die Kirchen demzufolge nicht den Mut haben, «unter ein Dach» zu ziehen, und zwar noch, bevor alle theologischen Fragen geklärt sind? Dies bedeutet als ersten Schritt, häufiger zum Gebet zusammenzukommen, nicht nur einmal im Jahr oder zu besonderen Anlässen. Gehen wir aufeinander zu! Unsere Gemeinden vor Ort könnten sich in vielem gegenseitig bereichern. Könnten wir uns nicht vornehmen, von nun an so viel wie möglich gemeinsam zu tun und nichts mehr zu unternehmen, ohne die anderen mit einzubeziehen! Die jüngste Synode der Vereinigten Protestantischen Kirche Frankreichs in Nancy ist mit gutem Beispiel vorangegangen und hat bei der Überarbeitung der Übersetzung des Vaterunsers ganz bewusst die ökumenischen Aspekte mit bedacht.

Dennoch wird in allen Kirchen bis heute vor allem die konfessionelle Identität betont: Man ist in erster Linie «katholisch», «evangelisch» oder «orthodox». Natürlich wird es zwischen den Kirchen immer Unterschiede geben. Diese sind Anlass zu offenem Dialog und Quelle gegenseitiger Bereicherung. Aber wäre es nicht an der Zeit, statt der Unterschiede vielmehr das uns Verbindende in den Mittelpunkt zu stellen, nämlich unsere christliche Identität, die wir als Getaufte alle gemeinsam haben.

Wenn wir Christen eine Familie bilden, wäre es doch die normalste Sache der Welt, auch unter einem Dach zu leben, und zwar sofort, nicht erst, wenn alle in allem einer Meinung sind! «Seht, wie gut und schön ist es, wenn Brüder miteinander in Eintracht wohnen», heißt es im 133. Psalm. Genauso haben die Apostel und Maria, zusammen mit einigen anderen Frauen und Männern, den Heiligen Geist in dem Moment empfangen, als sie unter einem Dach versammelt waren. Dieser Geist ist es, der uns auch zur Einheit führt.

Miteinander statt nebeneinander

Haben wir also den Mut, nicht länger nebeneinanderher sondern vielmehr miteinander der Wahrheit entgegenzugehen? Die Wahrheit kann sich nur dort enthüllen, wo wir einander in Liebe begegnen. Dies veranschaulicht sehr schön die Begegnung des Petrus mit dem römischen Hauptmann Kornelius, wie sie in der Apostelgeschichte (Kapitel 10 und 11) beschrieben ist. Diese Begegnung schenkt beiden Menschen den Zugang zu einer Wahrheit, die sie vorher nicht kannten.

Der römische Hauptmann Kornelius hatte in Cäsarea die Vision eines Engels, der ihm befiehlt, einen gewissen Petrus aus Joppe holen zu lassen. Kurz darauf hat auch Petrus in Joppe eine seltsame Vision: Er soll alle möglichen von den Juden als unrein betrachteten Tiere essen. Weder Petrus noch Kornelius verstehen den Sinn ihrer Erscheinungen.

Erst nachdem Petrus den Abgesandten des Kornelius gefolgt war, beginnt er zu begreifen: Du sollst «keinen Menschen unheilig oder unrein nennen» und meiden. – Er verstösst also nicht gegen das Gesetz, wenn er das Haus des Römers Kornelius betritt. Und als Petrus von Jesus zu sprechen beginnt, kommt zum großen Erstaunen aller der Heilige Geist auf Kornelius und die Seinen herab.

Wahrheit gemeinsam erkennen

Demnach kann sich den beiden erst in der Begegnung unter einem Dach und an einem gemeinsamen Tisch die Wahrheit enthüllen.

Dies gilt auch für uns: Nur gemeinsam erkennen wir die Wahrheit. Die Begegnung mit dem anderen verändert uns, auch wenn uns dabei vielleicht schmerzlich bewusst wird, wie sehr wir uns in Wirklichkeit sträuben, die anderen ablehnen oder sogar verurteilen. Aber eine Begegnung wird zum Fest, wenn wir die Erfahrung machen, dass wir vorbehaltlos angenommen sind. In dieser Erfahrung enthüllt sich uns die Wahrheit des Evangeliums: die bedingungslose Liebe Gottes. Diese Wahrheit kann sich uns nicht offenbaren, solange jeder für sich bleibt. Vielleicht hilft uns das Jahr 2017, diese Entdeckung gemeinsam zu machen.

Frère Alois, Prior der Communauté von Taizé