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Bischof Felix Gmür: «Barmherzigkeit ist das Kriterium»

«Kirche ist eine Gemeinschaft, die zusammen Gott sucht»: der Basler Bischof Felix Gmür. | © 2016 Pia Neuenschwander
«Kirche ist eine Gemeinschaft, die zusammen Gott sucht»: der Basler Bischof Felix Gmür. | © 2016 Pia Neuenschwander

Mit dem Dokument «Amoris laetitia», als Ergebnis aus zwei intensiven Familiensynoden im Vatikan, legt Papst Franziskus in der Sicht von Bischof Felix Gmür einen längst fälligen Perspektivenwechsel vor. Ein Gespräch mit Bischof Felix Gmür über Gottessuche, Familien und kirchliche Entwicklungen.

Bischof Felix, ein Gedankenspiel zu «Amoris laetitia»: Sie sind heterosexuell und verheiratet und katholisch, was würden Sie von ihrer Kirche erwarten?
Ich habe einen anderen Zugang zum Thema. Erinnern wir uns. Warum gab es diese Familiensynode, deren Ergebnis «Amoris laetitia» ist? Die Familiensynode ist eine Frucht der Synode über die Neuevangelisierung und der Frage, wie diese verstärkt werden kann. Ich war an dieser Synode dabei. Man fragte sich, wen diese Neuevangelisierung zunächst betrifft, und kam auf die Familie. Die Freude, die in den Familien gelebt wird, ist auch die Freude der Kirche. Das Gedankenspiel müsste also heissen: Wie kann ich als Familienmitglied in der Kirche meinen Glauben leben? Und es geht nicht um die Frage: Was erwarte ich von der Kirche? Das ist mir zu konsumistisch. Sondern: Wie lebe ich und gebe ich den Glauben weiter im 21. Jahrhundert?

Im 21. Jahrhundert leben Hetero- und Homosexuelle Menschen in Beziehung. Und die Kirche tut sich mit den Letzteren schwer.
Es geht um einen Perspektivenwechsel. Kirche gibt es doch, weil es die Frage gibt, wie ich es schaffe, meinen Glauben zu vertiefen und ihn zu leben. Und die Kirche muss sich fragen, wie sie es schafft, die Menschen auf diesem Glaubensweg mitzunehmen. Ihr Gedankenspiel macht die Kirche zu einer Moralanstalt, und Kirche ist etwas ganz anderes als eine Moralanstalt. Kirche ist eine Gemeinschaft, die zusammen Gott sucht.

Aber es gibt solche, die fühlen sich von dieser Gemeinschaft ausgegrenzt.
Zuerst sind sie alle integriert, so Papst Franziskus. Er sagt: «Jeder Mensch ist ein Kind Gottes, alle Menschen sind Geschöpfe Gottes, also sind zuerst alle integriert.» Der Mensch soll nicht kategorisiert werden, wir nehmen den Menschen so, wie er ist.

Papst Franziskus sagt in «Amoris laetitia» auch, dass sich «die Kirche wie Kontrolleure der Gnade und nicht wie ihre Förderer» verhalte.
Das steht im Kapitel 8, davor gibt es aber die Kapitel 1 bis 7.

In den ersten Kapiteln wird eindrücklich die soziale Realität der Familien festgestellt und, wie Sie betonen, auch ausgeführt, dass alle Menschen Kinder Gottes sind. Die Kirche hat aber diese Botschaft mit etwelchen Abgrenzungen zu Wiederverheirateten Geschiedenen, schwulen Paaren, Predigtverbot für Laientheologen/-innen immer wieder selber torpediert.
Es stimmt, im Laufe der Zeit hat eine starke Moralisierung stattgefunden im Denken und in der Verkündigung. Das hört man viel von der älteren Generation. Die Kirche ist nicht unabhängig von der Gesellschaft zu denken, da wird auch alles normiert und geregelt und mit Sanktionen verbunden. Da ist die Kirche im Sog von der Gesellschaft und die Gesellschaft im Sog der Kirche. In diesem Sog hat man ein Kästchendenken entwickelt. Die neue Perspektive bringt hingegen keine starren neuen Regeln. Das neue Kriterium ist Barmherzigkeit. Gott hat jeden Menschen gern.

Sie begeistert dieser Perspektivenwechsel?
Mich freut, dass dieser Perspektivenwechsel mit «Amoris laetitia» wieder ins Bewusstsein der Kirche kommt. Diese Perspektive hat es immer gegeben, sie ist aber etwas vergessen gegangen. Die rechtliche, die moralisierende Sichtweise hatte Überhang bekommen in der Wahrnehmung vieler Christinnen und Christen. Jetzt aber kommt die eigentliche Perspektive wieder zum Zug. Das finde ich wichtig, und es entspricht auch mehr meiner Spiritualität.

Was bedeutet dieser Perspektivenwechsel für die Pastoral?
Nochmals, weil es mir wichtig ist: Ausgangspunkt ist die Neuevangelisierung. Der soziale Ort, wo diese beginnt und wirksam wird, ist die Familie. Darüber habe ich an diversen Treffen mit den Seelsorgerinnen und Seelsorgern gesprochen. Diese kennen ihre Gläubigen, kennen ihre Freuden und Nöte. Papst Franziskus sagt: «Die Wirklichkeit kommt vor der Idee». Das verändert die Pastoral vor Ort.

Allerdings sind, gut gerechnet, noch etwas 15 Prozent der Kirchensteuerzahlenden in Pfarreien aktiv. Hat die Kirche mit diesem Perspektivenwechsel bei den anderen 85 Prozent eine Chance?
Natürlich haben wir eine Chance. Wir haben super Orte, da ist eine Kirche, ein Pfarreiheim, und man weiss, was da passiert. Diese Orte können Orte werden, die ausstrahlen, wenn die Menschen, die sich interessieren, da zusammenkommen, wenn sich Familien an einem Ort versammeln oder die Senioren. Oder ich denke an die Ehepaare, die ihren 50. Hochzeitstag feiern. Die laden wir einmal im Jahr ein, da sind jeweils mehr als 1000 Menschen in der Kirche, das hat auch eine Ausstrahlung. Man muss nicht alles zur gleichen Zeit und überall machen, aber solche Feiern wirken nach.

Papst Franziskus ruft die eigentliche Botschaft der Kirche in Erinnerung und meint, nicht nur die Gesellschaft, auch die Kirche selbst habe sie vergessen. Das hat doch was Trauriges.
Kirche ist unter anderem eine sozial verfasste Gemeinschaft. Und eine solche geht manchmal etwas langsamer oder schneller vorwärts. Plötzlich kann sie extrem schnelle Schritte machen. Nehmen wir das Thema «Bewahrung der Schöpfung». Da war die Kirche schon anno 1989 zum Thema Ökologie Vorreiterin und die Gesellschaft hinkte hintendrein. Erst im vergangenen November kam die Abstimmung über den Atomausstieg. Die Kirche kann in gewissen Fragen viel schneller sein als andere.

In der Frage der Anerkennung gleichgeschlechtlichen Partnerschaften ist der Staat Vorreiter.
Wie meinen Sie das?

Einige Staaten anerkennen schwule Ehen.
Man muss unterscheiden: Es gibt eingetragene Partnerschaften und es gibt eine Heirat von gleichgeschlechtlichen Partnern. Und bei der letzten Form sagt die Kirche, dass sie nicht das gleiche ist wie eine Ehe zwischen Mann und Frau. Es ist etwas anderes. In dieser Frage macht «Amoris laetitia» weder Türen zu noch auf. Vom Glauben her zu sagen, so oder so ist es von Gott endgültig gedacht, das wäre zu überstürzt. Die Kirche soll die Wissenschaft forschen lassen in dieser Frage und sich auch Zeit lassen. Vielleicht gibt es ja neue Erkenntnisse.

Konkret: Würden Sie ein gleichgeschlechtliches Paar segnen?
Wenn ein solches Paar anfragt, würde ich zuerst mit ihnen sprechen, über ihren Glauben, ihre Pläne. Jedem Menschen wird von der Kirche Segen zugesprochen, das würde ich also schon am Anfang machen.

Und einer Segensfeier würden Sie vorstehen, wenn ein Paar das wünscht?
Ich wurde bisher einmal von einem Paar angefragt. Ich lud sie zum Gespräch ein, sie nahmen diese Einladung dann aber nicht an. Wichtig ist, dass die Seelsorgenden vor Ort das genau abklären, und zwar im Spannungsfeld, was ein solches Paar wünscht und wie das mit dem Normanspruch der Kirche in Einklang gebracht werden kann und dem Gewissen des Seelsorgers selber.

Hat dieser Perspektivenwechsel von «Amoris laetitia» auch Ihr Verhalten verändert?
Ja. Mir ist zum Beispiel meine Bischofsweihe in den Sinn gekommen. Da gibt es neun Fragen, die man als Kandidat beantworten muss. Eine ist: Bist du bereit, den Menschen und vor allem den Armen mit Barmherzigkeit zu begegnen? Diese Frage spielt in meinem Alltag wieder eine grössere Rolle. Zudem: Papst Franziskus betont in Nr. 3, dass durch das Schreiben nicht alle pastoralen und kirchenrechtlichen Fragen gelöst werden. Das Schreiben soll uns Zeit geben für die Entwicklung und Auseinandersetzung. Diese Zeit nehme ich mir.

Dieses Jahr setzt sich die Schweizer Bischofskonferenz mit «Amoris laetitia» vertieft auseinander. Was erwarten Sie von diesem Studientag?
Es werden verschiedene Experten zu dieser Tagung geladen. Ich bin an den Vorbereitungen nicht beteiligt. Ich kenne das Skript also nicht im Detail. Wir sehen dann, ob die Bischöfe noch einen eigenen Input dazu verfassen wollen und was sie in ihren Bistümern umsetzen werden. Im Bistum Basel haben wir schon angefangen, weil wir auch selber Ideen haben.

Wo steht die Kirche mit diesem Perspektivenwechsel in 25 Jahren? Wird mit einem neuen Papst vielleicht wieder alles anders?
Ich kann nicht in die Zukunft schauen. Die Kernfrage ist doch: Wie steht es um den christlichen Glauben in 25 Jahren in unseren Pastoralräumen? Was ich aber sagen kann: Die Kirche wird in vielem anders sein, und zumindest sind dann sicher alle Pastoralräume errichtet. (lacht).

Interview: Detlef Kissner, Jürg Meienberg

Detlef Kissner ist Redaktor des Thurgauer Pfarreiblatts, Jürg Meienberg Redaktor des Pfarreiblatts für den alten Kantonsteil Bern.

2011 zum Bischof geweiht

Felix Gmür ist seit sechs Jahren Bischof von Basel, des grössten Bistums der Schweiz. Luzern ist einer der zehn Bistumskantone. Gmür, 1966 in Luzern geboren und hier aufgewachsen, war Seelsorger in Basel und im Kanton Zug, Subregens des Priesterseminars St. Beat und Generalsekretär der Bischofskonferenz. Er doktorierte in Philosophie und Theologie.
www.bistum-basel.ch