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auch ein Traum

Ausschnitt aus dem Bild «Goldader», gemalt von © Oliver Merz.
Ausschnitt aus dem Bild «Goldader», gemalt von © Oliver Merz.

Seit dreissig Jahren arrangiere ich mich täglich mit den Folgen meiner chronischen Krankheit, Multiple Sklerose (kurz MS). Ich erlebe am eigenen Leib, dass eine inklusive Haltung und partizipative Praxis herausfordern. Auch im Kirchenalltag engagiere ich mich für einen gleichberechtigten Umgang mit Menschen und Gruppen, die von Benachteiligung und Ausgrenzung bedroht sind – auch innerhalb der Kirchenmauern. Ganz egal, ob Frauen, von Armut Betroffene, Menschen mit Beeinträchtigungen, Betagte, Asylsuchende bzw. Migrantinnen und Migranten oder LGBTQ. Soziale Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Umgang mit gegebener Verschiedenheit und Vielfalt oder fördern von Inklusion und Teilhabe sind für mich nicht nur Forschungs- und Lehrthemen. Es sind Lebensthemen.

Die Coronakrise hat mich zum Dichten gebracht. Ich verwehre mich den oft gehässigen und polemischen Diskussionen in den Sozialen Medien und anderswo. Stattdessen bringe ich meine Stimme im Moment lieber in Form von Reimen ein. Hoffentlich animieren dieselben zum Nach- und Weiterdenken. So halte ich es auch in diesem Beitrag und füge unkommentiert eines meiner Gedichte an.

auch ein traum*

vielfältig
ungleich
durchaus
kunstreich

normal
verschieden
niemand
gemieden

unterschiede
gegeben
mittendrin
nicht daneben

bedingungslos
geliebt
nichts für immer
versiebt

angenommen
freiwillig
manchmal
nicht chillig

ausnahmslos
gleichwertig
ohne die andern
unfertig

rasse religion
geschlecht
für alle
dasselbe recht

niemand
wird diskriminiert
auch nicht
wenn‘s rentiert

unrecht trotz uniform
nicht richtig
menschenrechte
nicht nichtig

hass
klein kriegen
recht
nicht biegen

teilen
teilhaben
getragen
tragen

ganz
dazugehören
niemand muss
massen betören

freier atem
für alle
erst recht
im unschuldsfalle

bitte
nicht nur ein traum
heute
pflanze ich einen baum

(Oliver Merz, «papperlapapp – sinnvoll kurz und knapp», 2020, S.15)

Hintergrund: Am 25. Mai 2020 verstarb George Floyd in Minneapolis, USA. Der unbewaffnete Mann schwarzer Hautfarbe wurde von einem weissen Polizisten minutenlang mit dem Knie auf dem Hals zu Boden gedrückt und starb kurz darauf. Zuvor hatte er mehrmals um Hilfe gefleht und gesagt, er könne nicht mehr atmen («I can’t breathe!»). In der persönlichen Verarbeitung dieses tragischen Ereignisses entstanden die obigen Reime.

*Im Gedenken an die berühmte Rede «I Have a Dream» von Martin Luther King vom 28. August 1963 beim Marsch nach Washington.

In diesem Sinne für eine gerechtere und inklusivere Kirche und Welt, sehr herzlich

Dr. Oliver Merz
Thun, November 2020