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Kirchliche Jugendarbeit: vielgestaltig aus Überzeugung
Artikel aus: Junge Kirche, Fachzeitschrift für Kinder- und Jugendpastoral, Jg. 44, 1/10 Beim Blick in die Landschaft kirchlicher Jugendarbeit können Außenstehende leicht die Orientierung verlieren, so vielgestaltig und bunt ist sie. Das ist ihre Identität und Stärke - und der Grund, warum eine Landkarte hilfreich ist, um den Überblick zu wahren.
Dabei verfügt kirchliche Jugendarbeit über eine gemeinsame Grundlage. Sie besteht darin, von den jungen Menschen auszugehen, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu kennen, ihre Anliegen ernst zu nehmen und ihre Sinn- und Lebensfragen aufzugreifen. Deshalb ist für kirchliche Jugendarbeit entscheidend, die jungen Menschen als Subjekte ihres Lebens und Glaubens zu verstehen: Sie sind immer selbst die Akteure kirchlicher Jugendarbeit und nicht nur Adressaten oder Konsumenten ihrer Angebote. Eine solche „subjektorientierte Jugendarbeit" ist in der Kirche keine pädagogische Erfindung. Ihr Bezugs punkt ist die anthropologische Wende, die das 2. Vatikanische Konzil in Gaudium et Spes zum eigenen Grundansatz erklärt hat. Deren Stärke und zugleich Herausforderung liegen jedoch darin, unweigerlich in die Pluralität zu führen. Jugendarbeit gemäß dem Konzil muss also notwendig vielfältig sein. Diese Pluralität soll hier aufgezeigt werden; gleichwohl ist es dem Ansatz geschuldet, dass diese Aufzählung nicht vollständig und niemals abschließend sein kann. JUGENDGRUPPENARBEIT Jugendgruppen bilden auf dieser Basis die zentrale Form der Jugendarbeit, denn auch alle nachfolgenden lassen sich auf die Gruppe als Grundform zurückführen. Auch wenn die Jugendgruppenarbeit aufgrund abnehmender Bindungswilligkeit und zunehmender Multioptionalität hin und wieder in der Krise gesehen wird: sie ist nach wie vor die am weitesten verbreitete Verwirklichungsform kirchlicher Jugendarbeit. Doch was zeichnet Jugendgruppen überhaupt aus? Neben Gleichaltrigkeit zählen Dauerhaftigkeit und Verbindlichkeit zu ihren strukturellen Merkmalen. Selbstorganisation und Mitbestimmung sowie ehrenamtliche Gruppenleitung bilden die Basis für ein vielfältiges Programm, das sich aus den Interessen der Beteiligten ergibt. Die Überschaubarkeit und soziale Unmittelbarkeit von Gruppen eröffnen differenzierte Chancen des Lernens für junge Menschen. So wird Jugendgruppenarbeit zum Einübungs- und Bewährungsfeld für kommunikative, soziale, kulturelle und politische Kompetenzen (1). - (1) Vgl. Nagl: Pädagogische Jugendarbeit. Was leistet Jugendgruppenarbeit für Jugendliche? Weinheim 2000.
JUGENDVERBANDSARBEIT Dies leitet über zur Jugendverbandsarbeit. Aufgrund der genannten Kompetenzen wurde für sie immer wieder eine besondere Bedeutung reklamiert. Ralph Neuberth hat jüngst diese „Vorzüglichkeit" erneut bekräftigt und betont, dass sie „weder eine Ausschließlichkeit noch einen Universalanspruch" beinhalte (2). Was Jugendverbände auszeichnet, ist ihr hohes Maß an Selbstorganisationsfähigkeit. Diese Qualität ist der Jugendverbandsarbeit aber keineswegs exklusiv zu Eigen, sondern findet sich auch bei geistlichen Bewegungen. Dass aber die Selbstorganisation junger Menschen bis in eigene Organisationsstrukturen und deren konsequenter demokratischer Legitimation reicht, ist nur in der Jugendverbandsarbeit derart ausgeprägt. Mit „Demokratie" jedoch wird eine spezifische Facette der kirchlichen Jugendverbände aufgerufen. Über den demokratischen Aufbau hinaus geht es darum, dass verbandliche Jugendarbeit nicht nur mit anderen Formen kirchlicher Jugendarbeit den Anspruch der Mitgestaltung von Kirche teilt, sondern gleichrangig auch den Anspruch der Mitgestaltung von Gesellschaft vertritt. Dieses „politische Plus" (Neuberth) liegt nicht so sehr in dem „ob" der Thematisierung gesellschaftlicher Themen, sondern in deren Stellenwert und in der Vielfalt bearbeiteter Themen. - (2) Vgl. Neuberth: Konkurrenz oder Ergänzung? Die Vorzüglichkeit der Jugendverbände, in: Pastoraltheologische Informationen 29 (2009, H.1), 92-97.
DIE JUGENDARBEIT IN DEN NEUEN GEISTLICHEN BEWEGUNGEN Formal und pädagogisch betrachtet ist die Jugendarbeit der Neuen Geistlichen Bewegungen den Jugendverbänden nahe verwandt — auch wenn sie sich in ihrem inhaltlichen Profil sichtlich unterscheiden. Diese These mag verwundern. Gleichwohl ist fest zuhalten: In Geistlichen Bewegungen wie in Verbänden finden sich junge Menschen zusammen, organisieren selbst ihr Programm und vernetzen sich mit anderen Gruppen. Unter dem Anspruch der Selbstorganisation betrachtet, liegen sie also nicht weit voneinander entfernt. Vergleichbar ist zudem die Identifizierung mit dem Profil der Bewegung oder des Verbandes, die bei Veranstaltungen diözesan, national oder auch international erlebbar wird. Was jedoch Jugendverbandsarbeit und Neue Geistliche Bewegungen unterscheidet ist ihr Entstehungskontext: Das Verbandswesen nahm in der Jugendbewegung und dem katholischen Milieu der deutschen Vorkriegszeit seinen Ausgang und fokussierte sich auf die Mitgestaltung des Gemeinwesens aus christlicher Weltverantwortung. Die Geistlichen Bewegungen hingegen entstanden überwiegend in der Nachkriegszeit und ausgehend von romanischen Ländern, wo das Anliegen einer Reevangelisierung auf der Folie der faschistischen Barbarei Antrieb war. In sofern erklärt sich ein Stück weit das eher politisch-soziale Profil der Jugendverbandsarbeit im Unterschied zum eher religiös-liturgischen Profil der Geistlichen Bewegungen, wenn gleich auch diese Gegenüberstellung gewiss recht plakativ ist. JUGENDFREIZEITMASS NAHMEN UND BESINNUNGSTAGE Eine eigene Form der kirchlichen Jugendarbeit bilden Jugendfreizeitmaßnahmen und Besinnungstage. In ihrer Eigenheit werden sie jedoch kaum gesondert in den Blick genommen, weil sie organisatorisch von Pfarreien, Jugendverbänden und Orden getragen werden. Teilweise existieren auch eigene Ferienwerke, die ein breites Angebot für junge Menschen parat halten. Sowohl die Teilnehmenden als auch die spezielle Erlebnisqualität gebieten es, sie genauer wahrzunehmen. Denn das Teilnehmerprofil erstreckt sich keineswegs nur auf die Mitglieder von Pfarrjugenden oder Jugendverbänden, sondern auch auf Jugendliche außerhalb der üblichen kirchlichen Reichweite. Nicht zu unterschätzen ist dabei das Potential religiöser und sozialer Lernprozesse, die gerade durch das Zusammenleben auf engem Raum entstehen. Sei es die Verantwortung jedes einzelnen Jugendlichen für die ganze Gemeinschaft, sei es die Beteiligung im Meinungsbildungsprozess von Gruppen, sei es die Begegnung mit religiösen Ritualen oder die Gesprächsbereitschaft über Gott, Glaube und Sinn, die oft erst in der Atmosphäre des Vertrauten, der tiefen Nacht am Lagerfeuer oder im Kontext intensiver Gemeinschaftserfahrung aufkeimt. Jenseits von „Gott am Lagerfeuer" sind auch Jugendbesinnungstage, religiöse Freizeiten oder Tage religiöser Orientierung einzubeziehen. Dieses Angebot für junge Menschen, die „religiös unruhig" und spirituell auf intensiver Suche sind, ist eine wichtige Ergänzung im Gesamtprogramm kirchlicher Jugendarbeit. JUGENDBANDS UND JUGENDCHÖRE Relativ wenig Beachtung erfahren in der jugendpastoralen Diskussion die Jugendchöre und Jugendbands (3) Traditionell gar nicht der Jugendarbeit zugeordnet sondern eher der Liturgie und Kirchenmusik wird leicht übersehen, dass sich hier eine beträchtliche Zahl junger Menschen am kirchlichen Leben beteiligt. Der subjektorientierte Jugendarbeitsansatz hat in ihnen lan ge keine „Jugendarbeit" gesehen und höchstens die Jugendarbeitsqualität von Chorfreizeiten wahrgenommen. Doch Jugendmusikarbeit ist auch im regulären Vollzug Jugendarbeit, in der junge Christen Glaube und Leben gestalten. Dazu zählt, dass Jugendchöre als Orte sozialen Lernens und persönlicher Reifung begriffen werden. Singen beinhaltet außerdem eine kulturverbindende Dimension, weswegen Jugendchöre auch einen gesellschaftlichen Auftrag erfüllen: Frieden, Gerechtigkeit und Völkerverständigung können nicht nur unmittelbar politisch, sondern eben auch mit musikalischen Mitteln gefördert werden. Es greift also eindeutig zu kurz, Ju gendchöre nur als Formen der aktiven Mitgestaltung von Liturgie zu erfassen. Dem Ansatz der Jugendarbeit folgend bei den Interessen der Jugendlichen anzusetzen, bedeutet aber auch, die gängigen Musikstile der jungen Menschen aufzugreifen und sich nicht in erster Linie an liturgischer Einsetzbarkeit auszurichten. Das Repertoire kirchlicher Jugendmusikarbeit müsste daher über das Neue Geistliche Liedgut und Gospelgesänge für Musikrichtungen wie Rap und HipHop weiter geöffnet werden. Jugendmusikarbeit als Jugendarbeit verfügt insofern noch über weites Potential. - (3) Vgl. die Beiträge von Höring und Balzer in: Quiring / Heckmann (Hg.): Graffiti, Rap & Kirchenchor, Düsseldorf 2009.

JUGENDKIRCHEN
Blickt man auf das vergangene Jahr zehnt zurück, so sind Jugendkirchen die Entwicklung, die in dieser Zeit das Etikett wirklicher Neuerung verdient. Jugendkirchen — besser: „Jugendkirctterfprojekte" — zeichnen sich dadurch aus, dass Jugendarbeit an ein Kirchertgebäude gekoppelt wird.
Während diese sakralräumliche Ausrichtung im katholischen Raum bevorzugt wird, sind evangelische und freikirchliche Jugendkirchen eher „Jugendgemeinden" (4). Ansonsten nehmen die Variablen wie Team und Programm große Anleihen an der Jugendarbeit von Verbänden, Gemeinschaften, Jugendstellen oder Orden. Wenn aber das Spezifikum von Jugendkirchen im Sakralraum liegt, so beinhaltet dies eine theologische Neuformulierung des sozialpädagogischen Konzepts der Raumaneignung. Es basiert auf der Annahme, dass der religiöse Raum eine eigene Wirkung auf die heranwachsenden jungen Christen hat und dies für Jugendarbeit und Pastoral dezidierter nutzbar gemacht werden kann, Jugendkirchenprojekte leben ein stückweit von der Faszination, altehrwürdige Gebäude neu und innovativ zu nutzen - also von jener „soziokulturellen Synästhesie", welche für das jugendliche Leitmilieu der Expenmentalisten typisch ist (5) - (4) Vgl Hobelsberger: Jugendkirche — eine Zwischenbilanz, in: Arbeitsstelle Gottesdienst 22 (O1/2008), 32-40, 33
- (5) Weiterführend Huber / Raschke: Das innovative Potential von Jugundkirchen, in: Pastoraltheologische Informationen 29 (2009, H.1), 115-125.
EVENTS IN DER KIRCHLICHEN JUGENDARBEIT Events in der kirchlichen Jugendarbeit sind grundsätzlich nichts Neuartiges, sollen aber hier eigens zur Sprache kommen. Unter dem Modebegriff wird lediglich gebündelt, was als Jugendtreffen, Jugendtage und Jugendwallfahrten von den verschiedenen Trägern auf diözesaner oder überdiözesaner Ebene seit langem durchgeführt wird. Als Form der Jugendarbeit bieten sie eine Vernetzungserfahrung auf Erlebnisebene, wie sie sonst in ähnlicher Breite kaum existiert. Wo einzelne Jugendliche, Cliquen, Pfarrjugendgruppen oder ganze Ortsgruppen von Verbänden an solchen Events teilnehmen, erfahren sie eine Weitung ihres Blicks und ihrer Einschätzungen. Damit erhalten junge Menschen Zugang zu gesellschaftlichen und religioson Themen, für die sie möglicherweise bislang keine Plattform unter Gleichgesinnten kannten, oder zu religiösen und spirituellen Praxisformen, die ihnen bislang unbekannt waren. Auf diese Weise werden Motivation und Identifikation gestärkt, Anregungen und Ideen werden ausgetauscht und damit auch der Jugendarbeit vor Ort neue impulse verliehen. OFFENE JUGENDARBEIT Die Offene Jugendarbeit ist wohl die Form, die am wenigsten „typisch" für kirchliche Jugendarbeit erscheint. In manchen Grundlagendokumenten wird sie als das Angebot für diejenigen jungen Menschen beschrieben, die sich nicht in Gruppen und Verbänden, als Ministranten oder Chorsanger beteiligen möchten. Wahrscheinhch rührt diese Negativherleitung daher, dass Offene Jugendarbeit an der Schnittstelle zwischen Jugendarbeit und Jugendhilfe verortet ist. So gibt es den offenen Treff, der von Jugendlichen in den Räumen der Pfarrei selbst organisiert wird und mal häufiger mal seltener seine Türen öffnet. Er bietet eine Gelegenheit, sich zwanglos zu treffen und ist dementsprechend offen gestaltet. Unter Offene Jugendarbeit fallen aber auch Einrichtungen mit werktäglichen Öffnungszeiten, sozialpädagogischer Beratung und gezielten Fördermaßnahmen wie etwa Hausaufgabenbetreuung. Insgesamt kann festgehalten werden, dass Offene Jugendarbeit die einladende Geste christlicher (Gast-) Freundschaft hervorhebt. Gerade Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit in kirchlicher Trägerschaft verkörpern den selbstlosen und diakonischen Dienst, auf den Kirche und kirchliche Jugendarbeit an den jungen Menschen und der gesamten Juqendgeneration verpflichtet sind. VIER GRUNDVOLLZÜGE DER JUGENDARBEIT Damit sind die GrundvollzÜge des Kircheseins angesprochen, welche der kirchlichen Jugendarbeit zuqrunde liegen: Sie ist zwischenmenschliche Beziehung und Gemeinschaft (Koinonia), in der Menschen einander unterstützen (Diakonia), in der Menschen füreinander die Botschaft gelingenden Lebens aus der Orientierung an Jesus Christus verkörpern (Martyria) und in der diese Dimensionen gefeiert werden (Liturgia). Auch wenn hier die eine und dort die andere Dimension in den Vordergrund tritt, sie sind in der kirchlichen Jugendarbeit immer gleichgegenwärtig. Verschiedene Schwerpunktbildungen sind dabei die konsequente Fortführung des Grundansatzes einer kirchlichen Jugendarbeit, die bei den Bedürfnissen und Fragen, bei den Anliegen und Sehnsüchten, in der Freude und Hoffnung und Trauer und Angst der jungen Menschen von heute ihren Ausgang nehmen soll. - Dr. Markus Raschke ist Grundsatzreferent im Erzbischöflichen Jugendamt München und Freising.
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