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Reaktionen in den Pfarreien auf die Kirchenkrise: Wir machen weiter

Sexueller Missbrauchs durch Priester, Vertuschungs-Strategien der Kirchenleitung, Kompetenzbeschränkungen bei Laientheologinnen und -theologen, neue pastorale und liturgische Vorschriften und Verbote sowie Budget-Kürzungen und unpopuläre Strukturveränderungen in den Pfarreien zehren an den Kräften von Seelsorgerinnen und Seelsorgern in den Pfarreien. Sie leisten vollen Einsatz und leiden am meisten an der Kirchenkrise. Wie gehen sie damit um? Lukas Niederberger, Redaktor des kantonalen Pfarreiblatts Luzern, hat nachgefragt.

Dass die römisch-katholische Kirche in einer globalen Krise steckt, wagt niemand zu bezweifeln. Über die tieferen Gründe und mögliche Lösungen gehen die Meinungen schon eher auseinander. Die einen suchen die Gründe eher innerhalb der kirchlichen Strukturen, die anderen eher in der säkularen, individualistischen und materialistischen Gesellschaft.

Tatsache ist: In der Schweiz haben 44 Prozent der ehemaligen Katholikinnen und Katholiken ihren Kirchenaustritt in den letzten fünf Jahren vollzogen, darunter mehrheitlich Frauen und Junge. In den vergangenen zwölf Monaten hat sich dieser Trend noch verstärkt. 15 Prozent aller Schweizer Katholiken, die aus der Kirche ausgetreten sind, taten diesen Schritt im letzten Jahr. 11 Prozent der verbleibenden Mitglieder denken heute ernsthaft an einen Austritt, 18 Prozent tun dies ab und zu.

Für die Kirche wäre es wichtig zu wissen, ob die jetzige Austrittswelle mit Finanzkrise und Steueroptimierung zu tun hat, ob dem Austritt eine jahre- oder gar jahrzehntelange innere Entfremdung und Emigration voraus gegangen ist und jetzt ein «Nachholeffekt» stattfindet oder ob ein aktuelles Ereignis wie die Rehabilitierung der Pius-Brüder und die sexuellen Verbrechen an Kindern und Jugendlichen das Austritt veranlasst hat. Die Kirchgemeinden haben aber kein Recht, die genauen Austrittsgründe der Gläubigen zu erfahren.

Medialer Generalverdacht

Zweifellos führten und führen die sexuellen Verbrechen an Kindern und Jugendlichen weltweit zu Fassungslosigkeit und Sprachlosigkeit, Scham und Wut, Spott und Häme in der Kirche und über die Kirche und ihre Priester. Und weil Priester mit einem besonderen moralischen Anspruch – einer gewissen Hybris - wirken und betrachtet werden, ist auch die moralische Fallhöhe umso höher. Tragisch ist, dass medial fast nicht mehr vermittelbar ist, dass Tausende von Priestern und Nonnen, Seelsorgern und Seelsorgerinnen ihren täglichen Dienst an der kirchlichen Basis treu und mit Herzblut, verlässlich und eindeutig ausübt. Der kirchliche Image- und Kompetenz-Schaden im Bereich Erziehung und Moral ist gravierend und führt bei immer mehr Menschen zur Abkehr von Kirche und Glaube überhaupt. Kirchliche Mitarbeitende stehen beinahe unter Generalverdacht.

In den USA führte dies bereits vor zehn Jahren zu einer «sterilen» Seelsorge, bei der beispielsweise geistliche Begleitgespräche mit Minderjährigen nur noch stattfinden dürfen, wenn die Sekretärin sichtbar hinter der Glastüre sitzt oder wenn die Türe geöffnet ist.

Die Mitarbeitenden und engagierten Freiwilligen in der Seelsorge leiden unter der jetzigen Krise am meisten. Von einigen kirchlich engagierten Personen in Luzerner Pfarreien und Kirchgemeinden wollte ich erfahren, wie sie persönlich und professionell mit der Kirchenkrise umgehen.

Wie nehmen Sie in der Pfarrei und Kirchgemeinde das Leiden und die Krise der Kirche wahr?

«Für mich hat sich durch die Missbrauchs-Skandale nicht gross etwas verändert. Ich habe schon lange vorher in einer Kirche gearbeitet, die durch einen problematischen Umgang mit Macht und Sexualität und von einer höchst problematischen Doppelmoral geprägt ist. Der Riss im Image und zwischen Basis und Institution war in meinem Empfinden schon vorher da. Durch die Missbrauchs-Geschichten wird die Kirchenkrise einfach neu greifbar. Persönlich lebe ich schon lange mit einem Kirchenverständnis, das von der offiziellen Doktrin abweicht - und auch meine Pfarrei lebt damit - ohne dass es gross Thema wird.» N.N., Gemeindeleiterin

«Die derzeitige Krise unterscheidet sich vehement von Bisherigem, liegt in ihr doch erstmals eine tiefgreifende Irritation nicht von oben nach unten, sondern ebenso von unten nach oben vor. Dass im Vatikan heftig um die richtige Antwort auf diese Krise gerungen und auch unter Bischöfen gestritten wird, ist das beste, was unserer Kirche derzeit passieren kann.»
Markus Heil, Gemeindeleiter, Sursee

Was bewirkt die Krise für Ihre persönliche Motivation in der kirchlichen Arbeit?

«Ich kämpfe mit Motivationsschwierigkeiten. Es macht mich seit Wochen wütend, dass unser Kirchenmanagement sich weigert, ihren strukturellen Anteil an den Ursachen sexueller Übergriffe durch katholische Seelsorger zu sehen, geschweige denn deren Änderung anzugehen. Der Pflichtzölibat ist nicht die primäre Ursache, dass ein Priester Kinder sexuell ausbeutet. Aber die zölibatäre Lebensweise fördert eine Unterdrückung der sexuellen Reifung. Und die Zölibatspflicht ist ein wesentlicher Ausdruck der kranken Sexuallehre der katholischen Kirche.»
Bruno Fluder, Pastoralassistnt, Adligenswil

«Öfters mal vergeht mir die Lust, mich für die Katholische Kirche einzusetzen, weil es mich viel Energie kostet, mich von gewissen schrägen Lehrmeinungen zu distanzieren und ich es leid bin, ein mitleidsvolles Lächeln zu kassieren, wenn ich mich als Seelsorger der Katholischen Kirche oute. Jedoch sind für mich die vielen positiven Rückmeldungen motivierend, die ich von Pfarreimitgliedern für mein Engagement vor Ort erhalte.»
Bruno Hübscher, Pastoralassistent, Grosswangen

«Die Krise mindert die Motivation und die Arbeitsfreude; mein Zorn betrifft einerseits die krankhaften Kinderschänder-Kirchenleute, anderseits die Medien, die zu wenig seriös berichten und schliesslich jene Medienkonsumenten, die ebenso wie viele Medienleute selbst zu wenig differenzieren und zu Vieles verallgemeinern.»
Peter Müller-Herger, Gemeindeleiter Ebikon

Wie gehen Sie konstruktiv mit dem Leiden um?

«Wo immer es angebracht und möglich ist, äussere ich mich. Wenn es sein muss auch in einer Radiopredigt. Ich rede von einer jesuanischen Sexuallehre, die leibfreundlich, erotisch, ganzheitlich und vor allem nicht verbietend ist.»
Bruno Fluder

«Da ich weiss, dass sich unsere Kirche für viele diakonale, soziale und andere Anliegen einsetzt, die zu einem geglückten Leben für alle Menschen beitragen, überwiegen für mich die Positivmeldungen. Dies will ich mir auch weiterhin vor Augen halten und mich insbesondere in unserer Ortskirche für solidarische Aktionen der Nächstenliebe einsetzen. Mit der diesjährigen Firmgruppe haben wir einen Brief an den Papst geschrieben und darin unseren Unmut über die aktuelle Situation der Katholischen Kirche dargelegt und gefragt, wie wir seiner Meinung nach mit dieser Situation umgehen sollen. Wenn der Papst die Anliegen der Jugendlichen ernst nimmt, schreibt er uns vielleicht zurück.»
Bruno Hübscher

«Ich delegiere, indem ich bete: Geistkraft Gottes, übernimm auch du deinen Teil Mitverantwortung für die Weiterexistenz dieser Kirche!»
Peter Müller-Herger

«Schon lange dauert die Eiszeit in der Kirche – vor allem von Stufe Bistum aufwärts bis Rom. Da sagt mir meine Erfahrung aus vergangenen Jahren (um nicht zu sagen Jahrzehnten): Es wird wohl auch in diesem Jahr kein Frühlingserwachen geben. Weil dem so ist, versuchten in den letzten 30 Jahren in der Schweiz Seelsorgende zusammen mit aufgeweckten Menschen sich kleine Oasen zu schaffen, Orte, an denen das Klima günstig war, damit etwas wachsen und gedeihen konnte – Liebgewonnenes und auch Neues. Ich möchte nicht in der Kälte erstarren, sondern Mut machen, überall dort, wo wir leben, der Kirche ein menschliches Gesicht zu geben. Die Menschen sollen etwas von der Liebe und der Barmherzigkeit Gottes in ihrem Leben erfahren. Die Geschichte Gottes mit den Menschen geht trotz Krisen weiter, im einfachen Alltag, wo sich grössere und kleinere Wunder ereignen. Kirche sein heisst für mich: Samen der Hoffnung inmitten der Eiszeit säen und nicht Früchte konservieren!»
Walter Amstad, Pastoralassistent, Rothenburg

In welchen Punkten stehen Sie und Ihre Pfarrei im Dissens mit der kirchlichen Lehre? Und wie reagieren die Gläubigen?

«Geschiedene Wiederverheiratete werden bei uns nicht von der Kommunionfeier ausgeschlossen. Wir wettern nicht pauschal gegen den Kondomgebrauch und wir haben unser Augenmerk auf dem, was die Kirchen und Religionen miteinander verbindet und nicht auf dem, was sie trennt. Unsere Wortgottesdienste mit Kommunionfeier sind in den Augen der meisten Gottesdienstbesucher nicht weniger wert als traditionelle Eucharistiefeiern. Wir Seelsorgende würden Kopfschütteln ernten, wenn wir dies anders handhaben würden.»
Bruno Hübscher

«Ob in der Kommunionfeier ein Nicht-Priester vorsteht oder in der Eucharistiefeier der Priester, das macht äusserlich in der Liturgie seit über einem Jahrzehnt in unserer Pfarrei fast keinen Unterschied. Und die Bevölkerung macht auch keinen Unterschied mehr deswegen.»
Bruno Fluder

«Gerade mit den wiederverheiratet Geschiedenen und den gemeinschaftlichen Bussfeiern lassen sich pastoral verantwortete Lösungen finden.»
Stephan Schmid-Keiser, Gemeindeleiter, Emmen

«Im Wissen darum, dass der Dissens mit der kirchlichen Hierarchie nichts bringt, vermeide ich ihn möglichst.»
Peter Müller, Ebikon

Was bräuchte die Kirche, um aus der Krise heraus zu finden und Heilung zu erfahren?

«Es braucht eine Neuformulierung der Zulassungsbedingungen zu den Weihen (spirituelle, soziale, fachliche und persönliche Kompetenz und nicht Geschlecht, Zivilstand oder sexuelle Orientierung). Ferner ist eine Reflexion und Umkehr der Kirche im Umgang mit ihrer Macht nötig: die Übertragung der obersten Macht der Kirche an ein Gremium (z.B. Patriarchen-/Matriarchenkollegium, in dem jeder Kontinent vertreten ist).»
Bruno Fluder

«Frauen müssen zum Priesteramt zugelassen werden. Die Sexualmoral bedarf einer Neuorientierung. Den Laien muss mehr Mitsprache und Handlungsspielraum eingeräumt werden. Neue Formen der Liturgie sollen ebenbürtig neben der Eucharistiefeier stehen können.»
Bruno Hübscher

«Erneuerung an allen Ecken und Enden! Bescheidenheit und Glaubwürdigkeit im Umgang mit jedem Mitarbeitenden. Leitungspersonen sind auf allen Ebenen neu zu schulen in guter und gerechter Menschenführung. Ein allseits wertschätzendes Klima wird vielerorts vermisst - geschweige denn das mehr und mehr Notwendige: Allen Geprüften und Erprobten im kirchlichen Dienst – Männer wie (!) Frauen – die Chance zum variablen Amt zu eröffnen.»
Stephan Schmid-Keiser

«Endlich mutige und zukunftsweisende Reformen, damit viele Resignierte und Abwanderungswillige aufmerken und sagen: Oho, sie bewegt sich doch; da ist doch noch Hoffnung und Aussicht auf Veränderung!»
Peter Müller, Ebikon

Datum der Neuigkeit 8. Juli 2010

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