Schwerpunktthema 2022/23: ein wertschätzender Blick auf Menschen

Wertschätzung ist mehr als eine blosse Floskel. Die Bibel verankert bereits in ihren Schöpfungserzählungen, wie wichtig Menschen sind. Aus ihr lässt sich ein staunender und wertschätzender Blick auf Menschen lernen. Ein mögliches Programm für die beiden Schwerpunktjahre.
Die Krone: Würde und Verantwortung zugleich.
Die Krone: Würde und Verantwortung zugleich. | © 2021 Gregor Gander

Gott habe den Menschen «als sein Bild, als Bild Gottes» geschaffen, so heisst es im Buch Genesis 1,27. Das ist aufregend. Denn damit ist gemeint: Menschen sind «Repräsentant:innen» Gottes. Sie sollen auf der Erde handeln wie Gott selbst, der ja nach Genesis 1 die Erde als gute, ja, sehr gute erschaffen hat. Genau so sollen es die Menschen machen. Sie sollen im Auftrag des Leben schaffenden Gottes «herrschen», und das heisst: Leben ermöglichen wie Gott selbst (Genesis 2,28). Kann man Menschen mehr zutrauen? Kann man sich eine grössere Würde vorstellen? Wohl kaum.

Die Menschen sind kostbar

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass diese Erzählungen keine veralteten Weltentstehungstheorien im naturwissenschaftlichen Sinn sind. Vielmehr erzählen diese mythischen Texte von einem Ur-Anfang, um tiefe Einsichten über den Menschen und die Welt zu formulieren, die zeitlos gültig sind: Was ist der Mensch? Wer sind wir? Und sie gibt die Antwort: Wir sind Ebenbilder Gottes und dürfen (und sollen) in seinem Sinne handeln. Ganz ähnlich formuliert es Psalm 8: «Du hast den Menschen nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.» Diese Würde gilt es zu achten – aber dieser Würde müssen sich Menschen natürlich auch «würdig» erweisen.

Weil die Menschen so kostbar sind, erzählt das Buch Exodus, wie Gott sich von ihrem Leid bewegen lässt und wie er das Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten herausführt, und die prophetischen Bücher fordern im Namen dieses Gottes Recht und Gerechtigkeit für die Armen und Schwachen und für die Witwen und Waisen.

Tun, was Jesus selber tut

Auch im Neuen Testament können wir solche Spuren weiter verfolgen. In den Evangelien sehen wir Jesus, wie er das Reich Gottes verkündet, Menschen heilt, Dämonen in die Flucht schlägt und mit vielen unterschiedlichen Menschen am Tisch sitzt und den Anbruch der neuen Welt Gottes feiert. Zu dieser Reich-Gottes-Praxis gehört es auch, dass er Frauen und Männer in die Nachfolge ruft – und das heisst, dass sie sein Leben teilen und von ihm lernen, dass sie ihr Leben neu ausrichten und selbst ins Verkünden und Handeln kommen. Dazu stattet Jesus sie mit Vollmacht aus, und sie sollen nichts weniger tun als das, was Jesus selbst tut: sich auf den Weg machen, das Reich Gottes verkünden und Kranke heilen (Lukasevangelium 10,9). Jesus teilt sein Charisma und seine Vollmacht mit den Menschen, die sich auf die Botschaft von der neuen Welt Gottes einlassen. Wieder zeigt sich: Mehr kann man Menschen kaum zutrauen. Und die weitere Geschichte Jesu und seiner Nachfolgegemeinschaft macht deutlich: Nur weil es solche mit Vollmacht ausgestatteten, verantwortungsbewussten und tatkräftigen Menschen gab, konnte die Jesusbewegung den Karfreitag überhaupt überstehen und sich nach Ostern so kraftvoll und schnell ausbreiten und zu dem werden, was wir heute Kirche nennen. Dass dabei von Anfang an Frauen ebenso wie Männer dabei waren und sie eine Gemeinschaft aus gleichwürdigen und gleichberechtigten Menschen bildeten, hat sich mittlerweile hoffentlich herumgesprochen.

Seine Begabungen einbringen

Auch Paulus und die ersten Gemeinden machen die Erfahrung: Wer getauft ist, hat die Heilige Geistkraft empfangen. Dies wird konkret in Begabungen und Fähigkeiten – den Charismen – die alle Getauften erhalten haben. Diese sollen und dürfen in die Gemeinde eingebracht werden, «damit es anderen nützt» (1. Korintherbrief 12,7). Alle zusammen bilden den Leib des Christus, und in dieser Vielfalt an Menschen mit ihren unterschiedlichen Begabungen wird der Christus selbst erfahrbar (1. Korintherbrief 12,27).

Es zeigt sich: Von der Bibel lässt sich ein staunender und durch und durch wertschätzender Blick auf Menschen lernen. Einen solchen Blick einzuüben, konsequent zu praktizieren und einfallsreich weiterzuentwickeln, könnte das Programm der kommenden beiden Jahre zum Thema «Wertschätzen» sein.

Sabine Bieberstein

    WERTschätzen

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    Die Autorin dieses Beitrags, Sabine Bieberstein (*1962) ist Theologin und Professorin an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt in Deutschland. Zuvor war sie u.a. in der Berner Pfarrei Dreifaltigkeit tätig sowie für das Bibelwerk in Zürich. Sabine Bieberstein hat  Lehraufträge in der Schweiz, Deutschland und Österreich, gibt hier auch Kurse und hält Vorträge und ist als Autorin u.a. für glaubenssache-online.ch tätig.

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